Eros und Thanatos – der visionäre Modernismus des Gustav Klimt

In der bildenden Kunst war es vor allem Gustav Klimt, der die Macht und die Bedeutung der Sexualität thematisierte, ebenso wie die allgegenwärtige Identitätskrise des bürgerlichen Subjekts, die viel beschworene Auflösung des Ich. Wie der Skeptiker und Relativist Freud hat Klimt die Abgründe, die Tiefen, die Irrationalismen der menschlichen Seele ausgeleuchtet, die Triebökonomie und die Libido in das Zentrum seiner tiefenpsychologischen Vivisektion gestellt, die Erfahrung der Fragmentierung, den Zerfall der kontinuierlichen Ich-Identität, die menschliche Triebnatur, die Pluralität von Lieben und Sterben.

Klimt, zunächst Dekorationsmaler der Ringstraßenära, wurde  in den späten 1890ern zum Haupt einer Sezession, einer Abwendung vom dominanten Historismus in Kunst und Kunstgewerbe, wie ihn das Makart‘sche Atelier propagierte und produzierte. In einer Art von ödipaler Auflehnung, im Rekurs auf die antiliberale Revolte der Jungen der Siebziger und Achtziger sollte die Loslösung der Kunst aus dem Geist des Kommerzes und der „Todeshand“ der Tradition vollzogen werden, im Sinne eines sozusagen anti-historischen Modernismus: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“. Der Jugendstil verbindet sich, zumindest anfänglich, mit einer sozialen Utopie der Durchdringung von Kunst und Leben. Klimts rastlose Erkundung in der (auch von Freud so bezeichneten) „Unterwelt“ der Psyche – die sich unter anderem dadurch ausdrückt, dass er immer wieder Vorlesungen zur Psychopathologie besuchte –, seine Suche nach den Bedingungen und Möglichkeiten sexueller Befreiung schlug sich in nervösen, fiebrigen Frauendarstellungen nieder, die Anziehung und Bedrohung zugleich, Idolatrie gleicherweise wie Dämonisierung versinnbildlichen. 

Noch bei Ausgestaltung der großen Ringstraßengebäude (Burgtheater, Kunsthistorisches Museum) hatte sich Klimt, als ein junger Meister der alten Schule, eines soliden historischen Naturalismus bedient – und genau aus diesem Grund den Auftrag für die Anfertigung eines Deckengemäldes in der neuen Universität erhalten. Und wie die im Stil der Renaissance gehaltene Universität den spät gekommenen Triumph des Liberalismus nahezu paradigmatisch repräsentierte, so sollte die Darstellung der vier Fakultäten sinngemäß den „Sieg des Lichts über die Finsternis“ symbolisieren. Klimt allerdings, der inzwischen seine sezessionistische Wende vollzogen hatte, entwarf eine düstere, nietzscheanische Weltvision, in der Eros und Thanatos auf vielschichtige und schmerzliche Weise ineinander liefen, die Ratio, Geist und Materie in eine ungeschiedene Substanz auflöste, jenseits der etablierten Grenzen von Vernunft und Recht. Mit der Philosophie (1900) und der Medizin (1901) stellte Klimt der emanzipationsgeleiteten Kultur des Fortschritts eine phantasmagorische, schockierende Vision des Primats des Triebhaften und Unbewussten entgegen, mit der Jurisprudenz (1901), einem beängstigenden erotischen Albtraum, unternahm er einen frontalen Angriff auf die liberale Rechtskultur. 

Ein wütender Proteststurm fand, für dieses eine Mal, die liberalen Fakultätsprofessoren und die antisemitisch-klerikale Politik in gemeinsamer Empörung vereint, mobilisierte so überaus unterschiedliche Protagonisten wie Karl Lueger, Karl Kraus oder den utilitaristischen Philosophen Friedrich Jodl. Der Begründer der Wiener Ethischen Gesellschaft, der Kathedersozialist und Volksbildner Jodl, ein Vorkämpfer der Frauenemanzipation, konnte geradezu als die idealtypische Verkörperung rationaler Liberalität gelten und bemühte sich, angesichts durchaus unerwünschter Mitstreiter, die Auseinandersetzung vornehmlich auf ihre ästhetische Dimension festzulegen; man kämpfe nicht gegen nackte oder freie, sondern lediglich gegen „hässliche“ Kunst. 

Der zunächst vom Kultusminister der deutsch-bürokratischen Regierung Koerber, dem angesehenen Altphilologen Wilhelm Ritter von Hartel, bereitwillig unterstützte Klimt reagierte mit Verstörung und Rückzug. Das in der Tradition eines aufgeklärt-absolutistischen Josefinismus stehende Beamtenministerium Koerber hatte ein umfassendes ökonomisches wie kulturelles Modernisierungsprojekt initiiert; man erblickte im transnationalen, kosmopolitischen, „universalistischen“ Kunstverständnis der Sezession eine durchaus geeignete ästhetische Klammer für den desintegrierenden Vielvölkerstaat, wich schließlich aber vor den artikulationsmächtigen Gegnern des subversiven Modernismus Klimts zurück. 1905 kam dieser mit dem Gesuch um Rückkauf seiner so kontrovers aufgenommenen Werke an das Ministerium ein. Sein weiterer Weg führt Klimt zur statischen Ornamentik und zum formalen Symbolismus eines führenden Dekorationskünstlers der jüdisch-assimilierten haute bourgeoisie Wiens, zur goldgesättigten, metallenen Farben- und Formensprache seiner späten Frauenportraits. Ein bemerkenswerter Rückgriff auf seine Anfänge und Herkunft (Vater wie Bruder waren Goldgraveure), der die Hinwendung zur ästhetischen Abstraktion mit sozialer Resignation verbindet.  

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Schreiben Gustav Klimts an das Ministerium für Kultus und Unterricht vom 10. März 1900 bezüglich seines Auftrages zur Anfertigung der "Fakultätsbilder", 10.03.1900

AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 5840, Zl. 7.189/1900, fol. 4-5

1894 erteilte das Ministerium für Kultus und Unterricht Gustav Klimt und Franz Matsch den Auftrag zur Anfertigung der Deckengemälde im großen Festsaal der an der Wiener Ringstraße errichteten Universität. Die erste Fassung des Gemäldes „Philosophie“, eines der vier sogenannten „Fakultätsbilder“, wurde 1900 von Klimt fertiggestellt und stand im Zentrum eines unglaublichen Skandals. Als Klimt 1901 die „Medizin“ ausgeführt hatte, war dieses Gemälde ebenfalls heftiger Kritik ausgesetzt. 1903 erfolgte die Vollendung der „Jurisprudenz“ durch Klimt und der „Theologie“ durch Matsch. Die Kunstkommission des Ministeriums konnte sich zum gemeinsamen Anbringen der Bilder der beiden Künstler am ursprünglich dafür vorgesehenen Platz in der Aula nicht entschließen. Als absehbar war, dass in der Aula lediglich die von Franz Matsch angefertigten Bilder angebracht werden würden, richtete Gustav Klimt Anfang April 1905 ein Schreiben an das Ministerium, in dem er vom gesamten Auftrag zurücktrat. Um seinem Ansinnen, das vom Ministerium nicht gebilligt wurde, mehr Nachdruck zu verleihen, wandte sich der Künstler an die Öffentlichkeit und die „Klimt-Affaire“ stand in der Presse abermals im Vordergrund. In einem weiteren Brief an das Ministerium erklärte Klimt, dass die bei ihm bestellten Deckengemälde nicht vollendet und eine „Annahme“ nie erfolgt wäre. Schließlich lenkte das Ministerium ein und Gustav Klimt wurde aus dem ihm erteilten Staatsauftrag entlassen. Das bereits erhaltene Honorar konnte der Künstler durch die Unterstützung des Industriellen August Lederer zurückerstatten. Die drei von Gustav Klimt für den Festsaal der Universität geschaffenen Deckengemälde verbrannten im Mai 1945 in Schloss Immendorf in Niederösterreich, nachdem abziehende SS-Verbände das Schloss in Brand gesteckt hatten.

1894 erteilte das Ministerium für Kultus und Unterricht Gustav Klimt und Franz Matsch den Auftrag zur Anfertigung der Deckengemälde im großen Festsaal der an der Wiener Ringstraße errichteten Universität. Die erste Fassung des Gemäldes „Philosophie“, eines der vier sogenannten „Fakultätsbilder“, wurde 1900 von Klimt fertiggestellt und stand im Zentrum eines unglaublichen Skandals. Als Klimt 1901 die „Medizin“ ausgeführt hatte, war dieses Gemälde ebenfalls heftiger Kritik ausgesetzt. 1903 erfolgte die Vollendung der „Jurisprudenz“ durch Klimt und der „Theologie“ durch Matsch. Die Kunstkommission des Ministeriums konnte sich zum gemeinsamen Anbringen der Bilder der beiden Künstler am ursprünglich dafür vorgesehenen Platz in der Aula nicht entschließen. Als absehbar war, dass in der Aula lediglich die von Franz Matsch angefertigten Bilder angebracht werden würden, richtete Gustav Klimt Anfang April 1905 ein Schreiben an das Ministerium, in dem er vom gesamten Auftrag zurücktrat. Um seinem Ansinnen, das vom Ministerium nicht gebilligt wurde, mehr Nachdruck zu verleihen, wandte sich der Künstler an die Öffentlichkeit und die „Klimt-Affaire“ stand in der Presse abermals im Vordergrund. In einem weiteren Brief an das Ministerium erklärte Klimt, dass die bei ihm bestellten Deckengemälde nicht vollendet und eine „Annahme“ nie erfolgt wäre. Schließlich lenkte das Ministerium ein und Gustav Klimt wurde aus dem ihm erteilten Staatsauftrag entlassen. Das bereits erhaltene Honorar konnte der Künstler durch die Unterstützung des Industriellen August Lederer zurückerstatten. Die drei von Gustav Klimt für den Festsaal der Universität geschaffenen Deckengemälde verbrannten im Mai 1945 in Schloss Immendorf in Niederösterreich, nachdem abziehende SS-Verbände das Schloss in Brand gesteckt hatten.

Transkription

An ein hohes k.k. Ministerium für Cultus und Unterricht!

Der ergebenst Gefertigte erlaubt sich, im Einverständnis mit seinem Collegen und Mitarbeiter Prof. Franz Matsch, ein hohes k.k. Ministerium für Cultus und Unterricht zu bitten, dasselbe möge dem ergebenst Gefertigten in Anbetracht der Fertigstellung der Deckenbilder der Aula der k.k. Universität in Wien, darstellend „die Philosophie“ und im Interesse eines ungehinderten Fortschreitens der weiteren Bilder, ausnahmsweise die Auszahlung des Honorars per 5000 fl – sage fünftausend Gulden östr. Währ. gnädigst bewilligen.

Wien 10. März 1900.

Der ergebenst Gefertigte Gustav Klimt VIII. Josefstätterstrasse 21.

Prof. F. Matsch

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Schreiben Gustav Klimts an das Ministerium für Kultus und Unterricht vom 26. November 1903 bezüglich seines Auftrages zur Anfertigung der "Fakultätsbilder", 26.11.1903

AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 5840, Zl. 40.123/1903, fol. 2r u. v

Transkription

Hohes Ministerium für Cultus und Unterricht!

Über die Entscheidung der Kunst Commission in Angelegenheit meines Auftrages für die malerische Ausschmückung der Aula der Universität Wien habe ich bisher keine Veständigung erhalten. Auf meine private Anfrage bei einem Commissionsmitgliede erhielt ich ebenfalls keine Aufklärung.

Nach einer kurzen Erholungsreise, welche ich diese Woche antrete, muß ich daran gehen alle drei Bilder zu vollenden und es ist mir natürlich von Wichtigkeit zu wissen ob dieselben dem ursprünglichen Zweck zugeführt werden, da ich sie in diesem Falle zu einander stimmen muß.

Ich erbitte mit daher von einem hohen Ministerium für Cultus und Unterricht einen geneigten Bescheid und zeichne in aller Hochachtung

Gustav Klimt

Wien 26. Nov. 1903

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Schreiben Gustav Klimts welches dem Ministerium für Kultus und Unterricht Anfang April 1905 vorlag. Klimt verzichtete in diesem Schreiben auf den gesamten Auftrag zur Anfertigung der Deckengemälde in der Aula der Wiener Universität, 1905

AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 5840, Zl. 13.109/1905, fol. 3-5

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Schreiben Gustav Klimts an das Ministerium für Kultus und Unterricht, eingelangt am 19. April 1905. Klimt verweigert die Übergabe der Deckengemälde und ersucht abermals um Mitteilung, wo er die bereits erhaltenen Vorschüsse hinterlegen kann, 1905

AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 5840, Zl. 15.161/1905, fol. 2r u. v

Transkription

Hohes k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht!

Auf die Zuschrift vom 5. April 1905 erlaube ich mir zu erwidern, daß die bei mir bestellten Deckengemälde nicht vollendet sind und nie abgeliefert wurden, und auch die in § 2 des Vertrages vorgesehene Erklärung über ihre „Annahme“ nie erfolgt ist. Sie sind daher mein Eigenthum und ich muß die Übergabe ablehnen, weil das hohe Ministerium für Cultus und Unterricht mir die Vollendung unmöglich gemacht hat und kein Recht hätte, sie einer anderen als der vereinbarten Bestimmung zu zuführen.

Ich erlaube mir nochmals zu ersuchen mir mitzutheilen, wo ich die empfangenen Vorschüsse erlegen kann.

Hochachtungsvoll Gustav Klimt

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Petition von 87 Universitätsprofessoren gegen Gustav Klimts Gemälde „Philosophie“ sowie einer gedruckten Eingabe von zwölf Professoren für Klimt mit ausführlicher Stellungnahme Robert von Schneiders, Direktor des Antikenkabinetts. Die Petition wurde am 5. Mai 1900 dem Rektor der Universität Wien übergeben., 1900

AT-OeStA/AVA Unterricht UM Präsidium Akten 266, Zl. 1126/1900

Als im Jahr 1900 die erste Fassung des Gemäldes „Philosophie“ der Öffentlichkeit präsentiert wurde, kam es zu einem ungeheuren Skandal. Die an den Unterrichtsminister Hartel gerichtete Petition gegen die „Philosophie“, die von 87 Mitgliedern des Professorenkollegiums der Universität Wien unterschrieben war, wurde jedoch vom Ministerium unbeantwortet ad acta gelegt. Daneben findet sich aber auch eine Gegenkundgebung von zwölf Professoren, die sich ausdrücklich vom Protest Ihrer Kollegen distanzierten.

Als im Jahr 1900 die erste Fassung des Gemäldes „Philosophie“ der Öffentlichkeit präsentiert wurde, kam es zu einem ungeheuren Skandal. Die an den Unterrichtsminister Hartel gerichtete Petition gegen die „Philosophie“, die von 87 Mitgliedern des Professorenkollegiums der Universität Wien unterschrieben war, wurde jedoch vom Ministerium unbeantwortet ad acta gelegt. Daneben findet sich aber auch eine Gegenkundgebung von zwölf Professoren, die sich ausdrücklich vom Protest Ihrer Kollegen distanzierten.

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