Eine via regia zum Unbewussten

Am 14. November 1899 erscheint, vom geschäftstüchtigen Verleger Franz Deuticke (Leipzig und Wien) mit dem programmatischen Erscheinungsjahr 1900 versehen, eines der bedeutungsvollsten, einflussreichsten und wohl auch meistgelesenen Bücher des 20. Jahrhunderts: Sigmund Freuds Traumdeutung. Es ist tatsächlich ein Jahrhundertbuch. Der Atheist, Aufklärer und Positivist Freud entlehnt sein Verfahren der religiösen Hermeneutik, und entmystifiziert solcherart ein universales psychisches Phänomen, um sich einen Königsweg, eine via regia zu einem bis dahin für nicht aufklärbar gehalten Bereich, dem

menschlichen Unbewussten, zu erschließen. Das verneinte, unterdrückte Unbewusste bewusst zu machen, es als versteh- und erklärbar und damit als der objektiven Analyse und Diagnose zugänglich auszuweisen, darin besteht seine radikal-aufklärerische Perspektive. 

Nun steht Freud – nicht zuletzt aufgrund seiner Ausbildung bei dem Gehirnanatomen Theodor Meynert und des später weitgehend in Abrede gestellten Einflusses Josef Breuers – in der streng empirischen, rationalistischen Tradition der neueren Wiener medizinischen Schule. Die positiven Wissenschaften hatten die letzte Bastion erobert und selbst die menschliche Psyche einem rationalen Deutungs- und Erklärungsmodell unterworfen. Dieses Modell ist zunächst der Gedankenwelt liberaler Ökonomie entlehnt, das menschliche Individuum als psychologischer Kleinbetrieb konzipiert. Die Psychoanalyse hat die komplexe Triebökonomie, die seelische Apparatur dieses inneren Kleinbetriebs als eine vielschichtige Dynamik von Unbewusstem und Bewusstem, von Es, Ich und Über-Ich entziffert. Die gesellschaftliche Kontrollinstanz des Über-Ich hält in Auseinandersetzung mit dem Ich die Triebe in den Grenzen der Selbsterhaltung. Trotz notwendiger Neurosenbildung wird dieserart ein einigermaßen freies Zusammenspiel der Subjekte, grundlegende Voraussetzung aller Marktwirtschaft, ermöglicht. 

So brillant diese Rückbindung der Thesen und Verfahren Freuds an dessen ideologische und intellektuelle Herkunftskultur auch ist, seine Methode weist darüber hinaus. Der große Antimetaphysiker, der Materialist, Skeptiker und Relativist, der „keine höhere Instanz als die Vernunft“ anzuerkennen bereit war, hat eine deterministische Psychologie der Freiheit geschaffen. Mit der Traumdeutung hat Freud die Psychoanalyse allerdings auch und vor allem als Interpretationstechnik etabliert. Dabei bedient sich der „Jude ohne Gott“ der hermeneutischen Tradition des weit in die jüdische religiöse Lehrpraxis zurückreichenden talmudischen Forschens – eines dekonstruktiven Verfahrens der Assoziation, der dialogischen Reflexion, der Herstellung mannigfaltiger innerer Bezüge und latenter Bedeutungen. Sein Deutungsverfahren gilt dem latenten Trauminhalt, nicht dem manifesten Traum. Der Traum, ohne selbst wahr zu sein, verweist auf die Wahrheit, und diese Verweisungsqualität macht ihn deutungsbedürftig, ermöglicht die Ableitung von Gesetzen. Die Wahrheit des Traums liegt in der menschlichen Psyche selbst begründet, schafft sich ihre Ausdrucksmöglichkeiten auf komplexen Wegen vom Unbewussten ins Bewusste. Freud hat damit ein neues Modell der psychischen Struktur eingeführt, deren unzivilisierte, irrationale, verbotene, triebhafte Aspekte, deren erotische, egoistische, destruktive Affekte umfassend thematisiert und eine revolutionäre anthropologische Perspektive eröffnet. Freud beschreibt die de facto unbegrenzten Möglichkeiten des Unbewussten, wie er zugleich jene Grenzen, die seiner objektiven und subjektiven Bewusstwerdung gesetzt sind, festlegt. 

Er hat sich dabei der historischen Methode bedient – was vielleicht in einer Stadt, die ihre Identität aus der Imagination historischer Größe bezog und ihre architektonische Neugestaltung in der Gründerzeit am historischen Vorbild ausrichtete, auch gar nicht anders möglich war. Das Gewusste resultiert bei Freud nicht aus der neuen Erfahrung, sondern aus dem Erinnerten, bereits Geschehenen. Was zählt, ist das milieu intérieur, das Substratum psychischer Antriebe, die das äußere Verhalten bestimmen. Das Wissen um Vergangenes ist der Schlüssel zum Künftigen; es erwächst aus der Decodierung, der Entschlüsselung jener verborgenen Kräfte des Unbewussten, die dem sozialen Agieren wie der libidinösen Struktur des Ich zugrunde gelegt sind. 

Freuds Einfluss auf das Denken des 20. Jahrhunderts war über den Umweg seiner angloamerikanischen Rezeption in der Tat gewaltig und Kulturen übergreifend. Einiger seiner epochemachenden Entdeckungen war er sich sicher: der Erkenntnisse über die grundlegende Ordnung der seelischen Struktur, des dynamischen Unbewussten, der dualistischen Triebtheorie, der Universalität des Ödipus-Komplexes, des Zusammenspiels von Konflikt, Abwehr, Verdrängung, der sexuellen Ätiologie der Neurosen. Mit den Konzepten des Tabus, der Zensur und der Regression hat er psychopolitische und emanzipatorische Meilensteine gesetzt: „Wo Es war, soll Ich werden.“

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Sigmund Freud, eigenhändig geschriebener Lebenslauf, 21.01.1885

AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 623, PA Freud, Zl. 16.040/1885

Sigmund Freud (1856-1939) habilitierte sich 1885 an der medizinischen Fakultät der Universität Wien als Privatdozent für Nervenpathologie. Dem im Schriftgut des Ministeriums für Kultus und Unterricht vorliegenden Akt zur Habilitierung Sigmund Freuds liegen dessen eigenhändig geschriebener Lebenslauf und ein ebenfalls eigenhändig geschriebener Lehrplan bei.

Sigmund Freud (1856-1939) habilitierte sich 1885 an der medizinischen Fakultät der Universität Wien als Privatdozent für Nervenpathologie. Dem im Schriftgut des Ministeriums für Kultus und Unterricht vorliegenden Akt zur Habilitierung Sigmund Freuds liegen dessen eigenhändig geschriebener Lebenslauf und ein ebenfalls eigenhändig geschriebener Lehrplan bei.

Transkription

Ich bin am 6. Mai 1856 zu Freiberg in Mähren geboren. Als ich 3 Jahre alt war, übersiedelten meine Eltern nach Leipzig und dann nach Wien, in welcher Stadt sie bleibenden Aufenthalt bis heute genommen haben. – Den ersten Unterricht empfieng ich im väterlichen Hause, besuchte sodann eine Privatvolksschule und trat im Herbst 1865 in das Leopoldstädter Real- und Obergymnasium ein. Die Maturitätsprüfung legte ich im Juli 1873 ab, im darauffolgenden Herbst inskribierte ich mich als ordentlicher Hörer an der Wiener medizinischen Fakultät von welcher ich am 31. März 1881 zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert wurde.

In den ersten Jahren meiner Universitätszeit hörte ich vorwiegend physikalische und naturhistorische Collegien, arbeitete auch ein Jahr lang im Laboratorium des Herrn Prof. C. Claus, und wurde zweimal zur Ferialzeit in die Triester zoologische Station geschickt. Im dritten Universitätsjahre wurde ich Zögling des physiologischen Instituts, woselbst ich mich unter der Leitung des Herrn Prof. v. Brücke und der Herrn Assistenten Prof. Sigm. Exner und E. v. Fleischl mit histologischen Arbeiten insbesonders mit der Histologie des Nervensystems beschäftigt habe. Ein Semester lang hatte ich Gelegenheit im Laboratorium für experimentelle Pathologie des Herrn Prof. Brücke Thier-Versuche zu üben.

Nach erlangtem Doktorgrad versah ich durch drei Semester die Stelle eines Demonstrators am physiologischen Institute u. genoß gleichzeitig den Unterricht des Herrn Prof. E. Ludwig in chemischen besonders gasanalytischen Arbeiten. Im Juli 1882 trat ich ins Allgemeine Krankenhaus ein und diente zunächst ein halbes Jahr als Aspirant an der medizinischen Klinik des Herrn Prof. H. Nothnagel. Am 1. Mai 1883 wurde ich zum Sekundararzt an der psychiatrischen Klinik des Herrn Prof. Th. Meynert ernannt, woselbst ich fünf Monate verblieb. Nach kürzerer Dienstzeit an einer Abteilung für Syphilis wurde ich auf die 4te mediz. Abtheilung des Hauses versetzt, auf welcher seit jeher den Nervenkrankheiten besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. An der 4ten mediz. Abteilung hatte ich durch sechs Wochen die Ehre den Primarius Herrn Dr. Scholz als Abtheilungsleiter zu vertreten und durch fünf Monate supplirend als Sekundararzt I Classe zu wirken. Ich diene gegenwärtig an derselben Abtheilung als Sekundarius II Classe beschäftige mich mit der Beobachtung der daselbst behandelten Nervenkranken und mit Arbeiten über Hirnanatomie im Laboratorium des Herrn Prof. Th. Meynert.

Wien 21 Januar 1885

Dr. Sigmund Freud

Die Transkriptionen geben die originale Schreibung und Satzzeichensetzung wieder, d.h. die Rechtschreibung wurde nicht aktualisiert. Offensichtliche Rechtschreibfehler sind ausgebessert, um der besseren Lesbarkeit willen aber nicht extra markiert. Die gängigen Abkürzungen wie z.B. „k.k.“, wurden belassen, unklare Abkürzungen zwischen [] ergänzt und das Wort wieder vervollständigt.
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Sigmund Freud, eigenhändig geschriebener Lehrplan, 21.01.1885

AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 623, PA Freud, Zl. 16.040/1885

Transkription

Lehrplan

Wenn das löbliche Professoren-Collegium mir die Dozentur für Nervenkrankheiten verleiht, gedenke ich auf zwei Wegen den Unterricht in diesem Zweige der menschlichen Pathologie zu fördern:

Erstens durch Abhaltung von Vorlesungen und Cursen über die Anatomie und Physiologie des Nervensystems, soweit Kentnisse dieser Art die unerlässliche Vorbedingung für das Verständnis der neuropathologischen Thatsachen darstellen.

Zweitens durch Abhaltung von Cursen und Vorlesungen, in welchen Nervenkranke demonstriert, die hierbei erforderlichen Untersuchungsmethoden gelehrt und der gegenwärtige Stand unseres Wissens über die Pathologie des Nervensystems mitgetheilt werden soll.

Für letzteren Zweck hat mir Herr Primarius Dr. Scholz das Material der 4. mediz. Abtheilung im allgem. Krankenhause, an welcher ich als Sekundararzt diene, gütigst zur Verfügung gestellt.

Wien 21 Januar 1885

Dr. Sigmund Freud

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Sigmund Freud, Verleihung des Titels eines ordentlichen Universitätsprofessors, 23.12.1919

AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 627, PA Lorenz, Zl. 27.712/1919

Der Präsident der Nationalversammlung, Karl Seitz, der auch als Staatsoberhaupt fungierte, verlieh am 23. Dezember 1919 dem mit dem Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors bekleideten Privatdozenten Dr. Sigmund Freud den Titel eines ordentlichen Universitätsprofessors.

Der Präsident der Nationalversammlung, Karl Seitz, der auch als Staatsoberhaupt fungierte, verlieh am 23. Dezember 1919 dem mit dem Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors bekleideten Privatdozenten Dr. Sigmund Freud den Titel eines ordentlichen Universitätsprofessors.

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