Ein goldenes Zeitalter?

Früh vom orthodox Religiösen emanzipiert, seien die Mitglieder seiner Familie leidenschaftliche Anhänger der Zeitreligion des Fortschritts in der politischen Ära des Liberalismus gewesen; ihr persönlicher Aufstieg habe sich organisch mit dem allgemeinen Aufschwung der Zeit verbunden. Stefan Zweig erinnert sich der Jahre seiner Jugend und seiner Kindheit in Wien als das „goldene Zeitalter der Sicherheit“. Ein Zeitalter, das ehrlich überzeugt war, auf dem besten Weg zur besten aller Welten zu sein, das unerschütterlich am Glauben an die geschichtsmächtige Kraft der Aufklärung, an den unaufhaltsamen Siegeszug des Fortschritts, der Zivilisation festhielt. Es war das goldene Zeitalter des Liberalismus. 

Während aber in Frankreich und den angelsächsischen Ländern die Ideen der Aufklärung, die Forderungen und Zielsetzungen der bürgerlichen Revolution den Status eines gewaltigen popularen Vorurteils erlangten, also unbestrittener Werte, mit denen jede Politik, jede Ideologie sich zu identifizieren und zu arrangieren hatte, war im mitteleuropäischen Raum die bürgerliche Revolution fehlgeschlagen beziehungsweise von ihren Trägern auf halbem Wege aufgegeben worden. Die Implementierung des Liberalismus, der modernen bürgerlichen gesellschaftlichen Ordnung auf Basis forcierter industriekapitalistischer Entwicklung bedurfte des Anstoßes von außen. 

Die Lösung der italienischen und der deutschen Frage gegen Österreich bringt die deutschliberale Bourgeoisie an die Regierungsmacht, die in der Zeit ihrer Vorherrschaft ein bedeutendes Reformwerk realisiert, das seinem Charakter nach einen Kompromiss zwischen der liberalen Parlamentsmehrheit und der widerstrebenden Krone darstellt. Mit dem Ausgleich mit Ungarn 1867 wird die Dezemberverfassung geschaffen: die Staatsgrundgesetze über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, über die richterliche und die Regierungsgewalt, die Ministerverantwortlichkeit, das Vereins- und Versammlungsgesetz (vorausgegangen war das Pressegesetz von 1862). Die Justiz wird von der Verwaltung getrennt, die Geschworenengerichtsbarkeit wird eingeführt, das Heer auf Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht reorganisiert, eine moderne Volksschule durch das antiklerikale Reichsvolksschulgesetz 1869 begründet, das Konkordat ein Jahr später aufgehoben. Hindernisse, die einer freien Entfaltung der Marktkräfte, einer industriellen, kapitalistischen Modernisierung entgegen stehen, werden weitgehend beseitigt, die Wuchergesetze abgeschafft, die Freiteilbarkeit des Bauerngutes ebenso wie auch Handelsverträge mit dem Deutschen Zollverein und England durchgesetzt. 

Insbesondere in der Reichshauptstadt nahm dieser deutschzentrierte, bourgeoise Liberalismus eine spezifisch „jüdische Färbung“ (Victor Adler) an. Zweifellos stellte das aufgeklärte Wiener Judentum, wie Hans Tietze in seiner epochalen historischen Darstellung schreibt, eine „Kerntruppe“ des Liberalismus dar, und „wer nach diesem schlug, musste auch sie treffen.“ Dem antisemitischen Ressentiment jedenfalls galt der politische wie der wirtschaftliche Liberalismus als Domäne der Juden, dessen eigentliches Wesen sich in seinem „Mangel an festen Bindungen und seinem schrankenlosen Individualismus“ (Tietze) festmachen ließ. 

Jedenfalls war die so genannte Gründerzeit der Jahre 1867 bis 1873 eine geradezu exemplarische Phase der Hochkonjunktur, der industriellen Expansion und einsetzenden Massenproduktion, der Börsenhausse und Spekulation. Bestehende Betriebe wurden reorganisiert, vergrößert, rationalisiert, neue industrielle Leitsektoren begannen sich zu etablieren und ihre besondere Dynamik zu entfalten. Produktionsmittel erzeugende Industrien wie der Maschinenbau gerieten in schnellen Gang, von ihnen breitete sich eine bis dato ungekannte Prosperität über die gesamte Volkswirtschaft aus. Diese „glänzendste“ Konjunkturperiode des gesamten 19. Jahrhunderts – die sich gleichwohl bereits für zeitgenössische Beobachter als „seltsam überhitzt“ dargestellt hatte – endete, aus der fatalen Konsequenz einer Vielzahl von Faktoren heraus, im Desaster der Spekulationskrise, des Börsenkrachs, der Depression. 

Die erste strukturelle Krise des hierzulande noch so neuen und wenig gefestigten industrie- und finanzkapitalistischen Systems verband sich in eigensinniger Weise mit jenem Ereignis, das ausersehen war, dem Wirtschafts- und Gesellschaftsoptimismus des Liberalismus, seinem gestaltenden, zukunftsweisenden Potenzial, dem Streben seiner sozialen Trägerschichten nach gesellschaftlicher Anerkennung und Nobilitierung in Form einer gigantischen ökonomischen und kulturellen internationalen Leistungsschau Ausdruck zu verleihen: der Weltausstellung des Jahres 1873 im Wiener Prater. Im Zuge der Vorbereitungsarbeiten hatte die ohnedies bereits boomende Bauwirtschaft einen weiteren, massiven Konjunkturschub erlebt, und wohl nicht zufällig war die Wiener Ziegelfabriks- und Baugesellschaft des Heinrich Drasche auf der Expo mit einem Triumphbogen vertreten. Die Börse reflektierte den Boom der Gründerjahre und trieb ihn weiter an, gab ihm insofern Richtung und Struktur, als der dominante Einfluss der Geldinstitute auf die österreichische Industrie grundgelegt wurde. Im Vorfeld der Weltausstellung war, getragen von den sich rasant vermehrenden Bank- und Finanzierungsgesellschaften, die Börsen-Hausse in ein regelrechtes Spekulationsfieber umgeschlagen. 

Bei einer in den ersten Gründerjahren erfolgten Überakkumulierung von Kapitalien hatte sich ein überspanntes Kreditsystem herausgebildet, das eine drastische Erhöhung des Bedarfs an Zahlungsmitteln nach sich zog und bei dem gegebenen durchaus hohen Preisniveau nicht ohne drastische Folgen weiter ausgedehnt werden konnte. Allein im Zeitraum zwischen Jänner 1872 und Mai 1873 waren 530 neue Aktiengesellschaften gegründet worden. Der enorme Wertzuwachs börsennotierter Unternehmungen rief in Nachahmung auch eine Vielzahl spekulativer Neugründungen von Aktienbanken und Finanzgesellschaften auf den Plan, die ohne wesentliches Eigenkapital, aber mit großen Gewinnversprechungen, eine Finanzblase entfachten. Dividenden wurden oft mangels Eigenertrages über das hereinkommende Kapital bezahlt oder ähnlich einem Schneeballsystem, indem Aktien zu überhöhten Preisen belehnt oder an Neugründungen weitergereicht wurden. Viele dieser Fehlentwicklungen wurden durch ein weitgehendes Laisser faire der verantwortlichen Behörden und der Leichtgläubigkeit des Publikums begünstigt.

Die Spekulation brach nur acht Tage nach der weithin als missglückt erachteten Eröffnung der Weltausstellung, am Schwarzen Freitag, dem 9. Mai 1873, in sich zusammen. Die Weigerung der österreichisch-ungarischen Nationalbank, mit Hinblick auf fallende Kurse Wertpapiere und Wechsel als Sicherheit anzunehmen, verstärkte die Kapitalknappheit und weitete die Krise vom Finanzmarkt auf den Produktionssektor aus. Bereits am Vortag waren 110, am Schwarzen Freitag selbst 120 Insolvenzen gezählt worden, im weiteren Verlauf des Jahres gingen acht Banken, zwei Versicherungsgesellschaften, eine Eisenbahngesellschaft, sieben Industrieunternehmungen in Konkurs, in Liquidation traten 40 Banken, sechs Versicherungen, 52 Industrieaktiengesellschaften. 

Konkurse, Insolvenzen, Liquidationen, Entlassungen, Betriebsschließungen etc. liefern die Kerndaten einer hierzulande ersten, dramatischen, durch und durch „modernen“ Krise des liberal-kapitalistischen Systems, mit ihren unmittelbaren wie langfristigen politischen, sozialen und kulturellen Folgewirkungen. Die so unmittelbar einsetzende Börsen- und Spekulationskrise hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Wiener Weltausstellung die (unrealistisch) hoch gegriffenen Erwartungen, die das liberale Wien in sie gesetzt hatte, in keiner Weise erfüllen konnte. Die Spekulationskrise 1873 zeitigte zudem aber Langzeiteffekte, die über den Rahmen einer „bloß“ ökonomischen Rezession weit hinaus wiesen, massen- und tiefenpsychologische Konsequenzen, die das politische System, den sozio-kulturellen Mechanismus des Habsburgerreiches und seiner Hauptstadt nachhaltig veränderten und neu strukturierten. Die Krise des Liberalismus hat nicht nur den wirtschaftsliberalen Kapitalismus, den unbedingten Glauben an den ökonomischen Fortschritt, die persönliche unternehmerische Initiative des kreativen Zerstörers (im Sinne Schumpeters), die Logik der wissenschaftlich-technischen Moderne diskreditiert; sie hat vor allem den Glauben der Liberalen an sich selbst, den (notwendigen) historischen Erfolg eines seiner traditionellen Fesseln entledigten, den Werten der Aufklärung, des Rationalismus und der bürgerlichen Öffentlichkeit verpflichteten Individualismus untergraben. 

Die Reaktion auf den Schwarzen Freitag

Die ersten Maßnahmen der Regierung begannen unmittelbar nach dem „schwarzen Freitag“ am 9. Mai 1873 mit einem Formalakt, der den finanziellen Spielraum der Nationalbank erweitern sollte: die Abänderung des § 14 der Statuten der Österreichisch-ungarischen Nationalbank, die erst am 18. März 1872 beschlossen worden waren (R.G.Bl. 31).

Ursprünglich war die Deckung des Notenumlaufs sehr eng definiert. Hiernach hatte die OeNB für „ein solches Verhältnis des Metallschatzes zur Notenemission Sorge zu tragen, welches geeignet ist, die vollständige Erfüllung dieser Verpflichtungen zu sichern. Es muss jedoch jedenfalls jener Betrag, um welchen die Summe der umlaufenden Noten 200 Millionen Gulden übersteigt, in gesetzlichen Silbermünzen oder Silberbarren vorhanden sein.“ 1872 war es ermöglicht worden, diesen Mehrbetrag im Notenumlauf auch durch Gold zu decken, wozu aber eine weitere Absicherung durch Wechsel und ähnliche Wertpapiere vorgesehen wurde. Der Entwurf vom 12. Mai 1873 brachte nun eine Trendumkehr: um schneller Geld in die Wirtschaft pumpen zu können, wurde auf eine Deckung der zusätzlich in Umlauf gebrachten Geldmittel für beliehene Wechsel verzichtet.

Am gleichen Tag noch wurde ein Vertreter des k.k. Finanzministeriums, Ministerialrat Anton von Niebauer, mit dem Entwurf nach Budapest entsandt, um möglichst rasch die Zustimmung des ungarischen Finanzministers Károly Kerkapoly einzuholen. Das Verhältnis der ungarischen Regierung zur Nationalbank war bis in die Mitte der 1870er-Jahre äußerst diffizil und von vielen Vorbehalten bis zur Nicht-Anerkennung des Institutes geprägt. Der ungarische Finanzminister sagte in diesem Fall aber seine Unterstützung unter der Voraussetzung zu, dass Ungarn den ihm zustehenden Anteil an den zusätzlichen Mitteln erhalten würde.

Als weiteres Werkzeug zur Krisenbekämpfung beschloss die Nationalbank, der Filiale in Pest zusätzlich vier Millionen Gulden zur Verfügung zu stellen, um den Ankauf „guter Wechsel“ nicht durch Erschöpfung der Mittel zu behindern.

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Staatsgrundgesetz von 1867, auch bekannt als Dezemberverfassung, 21.12.1867

AT-OeStA/HHStA KA KK 4680/1867

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Situationsplan der Weltausstellung 1873 in Wien mit allen Nebenbauten, Pavillons, Separatausstellungen und Objekten innerhalb des Ausstellungsplatzes, 1873

AT-OeStA/AVA PKF PS II K-04

Die Wiener Weltausstellung sollte als wirtschaftliche und kulturelle Leistungsschau in erster Linie technische Entwicklungen und Erfindungen einem Fachpublikum präsentieren, aber auch dem Wissensdrang und der Schaulust der breiten Besuchermassen Nahrung bieten.

Auf einem Ausstellungsareal von 233 Hektar wurde für über 50.000 Aussteller aus 35 souveränen Staaten ein Komplex weitläufiger Ausstellungshallen und Vergnügungsetablissements errichtet. Die Eröffnung der Ausstellung fand am 1. Mai 1873 in der noch nicht ganz fertiggestellten Rotunde statt.

Eine Serie negativer Begleitumstände schmälerte jedoch den Erfolg - stark überhöhte Preise, der Ausbruch einer Choleraepidemie in Wien und der Börsenkrach wenige Tage nach der Eröffnung überschatteten die Exposition und trugen wesentlich dazu bei, dass der erwartete Besucherandrang ausblieb - anstelle der prognostizierten rund 20 Millionen Besucher kamen im Zeitraum zwischen 1. Mai und 2. November 1873 nur etwas mehr als ein Drittel. Damit blieb auch in finanzieller Hinsicht ein Defizit von fast 15 Millionen Gulden für die Staatskasse übrig.

Die Wiener Weltausstellung sollte als wirtschaftliche und kulturelle Leistungsschau in erster Linie technische Entwicklungen und Erfindungen einem Fachpublikum präsentieren, aber auch dem Wissensdrang und der Schaulust der breiten Besuchermassen Nahrung bieten.

Auf einem Ausstellungsareal von 233 Hektar wurde für über 50.000 Aussteller aus 35 souveränen Staaten ein Komplex weitläufiger Ausstellungshallen und Vergnügungsetablissements errichtet. Die Eröffnung der Ausstellung fand am 1. Mai 1873 in der noch nicht ganz fertiggestellten Rotunde statt.

Eine Serie negativer Begleitumstände schmälerte jedoch den Erfolg - stark überhöhte Preise, der Ausbruch einer Choleraepidemie in Wien und der Börsenkrach wenige Tage nach der Eröffnung überschatteten die Exposition und trugen wesentlich dazu bei, dass der erwartete Besucherandrang ausblieb - anstelle der prognostizierten rund 20 Millionen Besucher kamen im Zeitraum zwischen 1. Mai und 2. November 1873 nur etwas mehr als ein Drittel. Damit blieb auch in finanzieller Hinsicht ein Defizit von fast 15 Millionen Gulden für die Staatskasse übrig.

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Liste der zur Wiener Weltausstellung 1873 zu erwartenden Gäste, 04.1873

AT-OeStA/HHStA SB FA Folliot-Crenneville 166

Im Verzeichnis der Gäste, die zur Eröffnung der Weltaustellung anreisen, sind nicht nur die Namen der "allerhöchsten und höchsten Herrschaften", sondern auch der Zeitpunkt ihrer Anreise und Abreise und der Ort ihrer Unterbringung vermerkt. Ebenso wird das Programm für die Gäste beschrieben und durch die Namen der zuständigen Zeremonienmeister sowie der zugeteilten Herren ergänzt.

Im Verzeichnis der Gäste, die zur Eröffnung der Weltaustellung anreisen, sind nicht nur die Namen der "allerhöchsten und höchsten Herrschaften", sondern auch der Zeitpunkt ihrer Anreise und Abreise und der Ort ihrer Unterbringung vermerkt. Ebenso wird das Programm für die Gäste beschrieben und durch die Namen der zuständigen Zeremonienmeister sowie der zugeteilten Herren ergänzt.

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Erläuternde Bemerkungen des Finanzministers Pretis zur kaiserlichen Verordnung, 12.05.1873

AT-OeStA/FHKA Präs FM Akten Zl 2409 ad 2411-FM/1873

Transkription

Eure Majestät!

Die wilde Speculation an der Wiener Börse hatte in der letzten Zeit einen Grad erreicht, der das Hereinbrechen einer endlichen Katastrofe als etwas beinahe Unvermeidliches erscheinen ließ.

Die gegenwärtige Regierung Eurer Majestät hat, kaum ans Ruder getreten, diesem beklagenswerthen Treiben ihre volle Aufmerksamkeit zugewendet und namentlich rücksichtlich der Ertheilung von Concessionen für neue Unternehmungen und der Cotirung neu geschaffener Papiere alle jene Restrictionen eintreten lassen, deren Anwendung ohne mit den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen in Collision zu gerathen, nur irgend wie möglich erschien.

Darüber konnte sie sich aber allerdings keiner Täuschung hingeben, daß sie durch ein strammeres Vorgehen in dieser Richtung das Übel höchstens einigermaßen abschwächen und sich selbst vor dem Vorwurfe des ungerechtfertigten Entgegenkommens zu schützen vermöge, daß dies aber nicht genügen könne, um das Übel an der Wurzel zu fassen und dem herrschenden Unwesen gründlich zu steuern. Zu sehr war bereits das Speculationsfieber in die meisten Gesellschaftskreise gedrungen, als daß die Warnungsrufe der Regierung gehört worden wären. Das prognosticirte traurige Ende ist denn auch eingetreten, und zwar in einer Art, welche gehegte Befürchtungen vielleicht noch übertrifft. Würden bei dem allgemeinen Zusammenbruche an der Börse nur jene Schöpfungen mitgenommen werden, die sich fast vom ersten Augenblicke an dem Blicke des unbefangenen Beurtheilers als ephemer, als bloßes Lockmittel für die gewinnsüchtige Masse präsentierten, dann würde in der hereingebrochenen Calamität das Mittel für die Herbeiführung gesunder Zustände auf diesem Gebiete des wirthschaftlichen Lebens liegen, in dem durch die Ausscheidung der schlechten Elemente in subjectiver und objectiver Beziehung eine wünschenswerthe Purifikation herbeigeführt und die ungemessene Spielwuth vielleicht für lange Zeit lahm gelegt wäre. Allein die Consequenzen des Zusammensturzes an der Börse drohen leider viel weiter zu greifen und sich auf Kreise auszudehnen, die dem eigentlichen Börseleben mehr oder minder ferne gestanden sind. Es ist heute kaum mehr möglich sich auf die besten Papiere Geld zu verschaffen, um laufenden Verpflichtungen zu entsprechen. Die Angst hat in den betheiligten Kreisen dermaßen die Oberhand gewonnen, daß die geldbesitzenden Banken und Banquiers ihre Noten eingesperrt halten, um sich selbst gegen Mangel an baren Zahlungsmitteln zu sichern. Wenn aber dieser Zustand auch nur kurze Zeit andauert, wenn dem Kaufmann die Wechsel, die er in seinem Portefeuille hat, nicht escomptirt, die guten Werthpapiere, die er besitzt, nicht belehnt werden, dann muß es naturgemäß zu Zahlungsstockungen von so ausgedehnten Dimensionen kommen, daß der Eintritt einer Handelskrise unvermeidlich wird.

Wenn eine solche Calamität unter allen Umständen eine schwere Schädigung des Volkswohlstandes und der materiellen Interessen des Reiches nach sich zieht, so würde die Schwere derselben im gegenwärtigen Augenblicke, wo die Blicke der ganzen Welt auf Oesterreich gerichtet sind, doppelt empfunden werden. Es müssen demnach alle Anstrengungen gemacht werden, um die drohende Katastrofe abzuwenden. In einer Versammlung von Vertretern der hervorragendsten Firmen und Creditinstitute Wiens, die ich bei mir veranstaltete, sprach sich die weitaus überwiegende Majorität der Theilnehmer dahin aus, daß die Situation eine geradezu unhaltbare sei, wenn nicht sofort Hilfe geschafft wird. Das einzige wahrhaft ausgiebige Mittel die Geschäftswelt aus der verzweifelten Lage herauszureißen, erblickten aber fast Alle in der Suspension des §.14 der Bankakte, insofern derselbe von der statutenmäßigen Bedeckung der von der Nationalbank ausgegebenen Noten handelt, beziehungsweise in der zeitweiligen Aufhebung der Bestimmung, daß jede über den Betrag von 200 Millionen Gulden ausgegebene Note mit Metall voll bedeckt sein müsse. Ich kann nicht umhin, dieser Anschauung beizupflichten und im Einvernehmen mit dem Ministerrathe Euere Majestät zu bitten, dieser Maßregel Allerhöchst Ihre Genehmigung zu ertheilen. Zu diesem Ende nehme ich mir die ehrfurchtsvolle Freiheit Euerer Majestät den Entwurf der Kais(erlichen) Verordnung ehrerbiethigst zu unterbreiten, mit welcher auf Grund des §.14 des Grundgesetzes über die Reichsvertretung vom 21. December 1867 die erwähnte Maßregel in Vollzug zu gesetzt werden soll.

Ich habe, um mir die Zustimmung der ung(arischen) Regierung zu dieser Maßregel zu sichern, einen Beamten nach Ofen entsendet, und darf wohl bei der Wirkung, welche die abzuwendende Krisis unfehlbar auch auf die ungar(ischen) Interessen über müsste, nicht zweifeln, daß die ungar(ische) Regierung sich für die beabsichtigte Maßnahme aussprechen wird. Ich verspreche mir von derselben einen solchen Eindruck, daß schon das Bekanntwerden der Kais(erlichen) Verordnung die Gemüther mit Beruhigung erfüllen und das gestörte Vertrauen in einem Grade stärken werde, daß es vielleicht gar nicht oder doch nicht in einem hohen Maße nothwendig werden dürfte, von der der Nationalbank dadurch gewährten Berechtigung Gebrauch zu machen. Englands Handelsgeschichte liefert einen zweimaligen sprechenden Beleg für die Berechtigung dieser Hoffnung.

Den Entwurf der Allerhöchsten Resolution schließe ich ehrerbiethigst bei.

 

Wien am 12. Mai 1873

 

Pretis

Die Transkriptionen geben die originale Schreibung und Satzzeichensetzung wieder, d.h. die Rechtschreibung wurde nicht aktualisiert. Offensichtliche Rechtschreibfehler sind ausgebessert, um der besseren Lesbarkeit willen aber nicht extra markiert. Die gängigen Abkürzungen wie z.B. „k.k.“, wurden belassen, unklare Abkürzungen zwischen [] ergänzt und das Wort wieder vervollständigt.
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Kaiserliche Verordnung zur Abänderung des Paragrafen 14 der Statuten der Oesterreichischen Nationalbank, 13.05.1873

AT-OeStA/FHKA Präs FM Akten Zl 2409 ad 2411-FM/1873

Transkription

Kaiserliche Verordnung

 

wodurch mit Beziehung auf § 14 des Grundgesetztes über die Reichsvertretung vom 24. Dezember 1867 R.G.Bl. No. 141 der § 14 der Statuten der privilegierten österreich. Nationalbank /: R.G.Bl. No. 31 v.J. 1872 :/ abgeändert wird.

 

Die Nationalbank wird ermächtigt, statutengemäß Wechsel zu escomptiren oder Effekten statutengemäß zu belehnen, ohne hinsichtlich der dafür ausgegebenen Notensumme an den im Absatze 2 des §.14 der Bankstatuten /: Gesetz vom 18. März 1872 R.G.Bl. No. 31 :/ festgesetzten Betrag gebunden zu sein.

 

Diese Verordnung tritt mit dem Tage der Kundmachung in Wirksamkeit.

Mit dem Vollzuge dieselben ist der Finanzminister beauftragt.

 

Wien, den 13. Mai 1873

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Telegramm als Übersicht anzeigen

Telegramm des Ministerialrates Anton von Niebauer aus Ofen, 12.05.1873

AT-OeStA/FHKA FM Präs Akten Zl 2411-FM/1873

Bestätigung der Zustimmung des ungarischen Finanzministers zu den geplanten Maßnahmen.

Bestätigung der Zustimmung des ungarischen Finanzministers zu den geplanten Maßnahmen.

Transkription

„Das Gewünschte erreicht, reise heute Abend mit der Antwort. Anton“

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