Die südslawische Frage

In der auf den mediterranen Raum konzentrierten revolutionären Welle der frühen 1820er Jahre kam nicht zuletzt auch eine seit langem latente Krise des türkischen Lehensstaates zu ihrem konkreten Ausdruck. Der nahezu mythisch überhöhte griechische Freiheitskampf wurde zu einem zentralen Topos der jungen europäischen Romantik, und der Balkan galt fortan als jenes hoch explosive Pulverfass, als das er sich im Vorfeld und Verlauf des Ersten Weltkriegs dann tatsächlich erweisen sollte. Erbe und Praxis einer der modernen Warenproduktion nicht angepassten Agrarverfassung hatten sich hier in einem besonderen Maße als fatal erwiesen. Feudale Ausbeutung, urwüchsiger Wucher, hoher Steuerdruck korrelierten mit mangelnder Rechtssicherheit, ungenügend entwickelter Infrastruktur und allgemeiner kultureller wie sozialer Rückständigkeit. Dazu trat die nationale Fremdherrschaft: In Slowenien dominierte eine deutsche, in Dalmatien eine italienische, im Banat und der Bacska eine magyarische Oberschicht, in Serbien türkische Spahis und in Bosnien mohammedanische Begs. Mit der Gründung des Napoleonischen Illyrien, mit dem Aufstand der Serben gegen die türkische, und der Kroaten gegen die magyarische Herrschaft setzt ein Prozess ein, der sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer eruptiven Nationalisierung der Massen verdichtet und dessen Ziel die Überwindung der (spät)feudalen Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung wie der nationalen Zersplitterung ist. 

Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatte sich die Rahia, das schwer geknechtete serbische Bauernvolk, gegen den türkischen Feudalismus erhoben und sich Schritt um Schritt, unter Ausnützung wechselnder Interessenskonstellationen der Großmächte, seine Freiheit erkämpft. Der Autonomie folgte, mit dem Frieden von Adrianopel (1829), die staatliche Selbstständigkeit und schließlich die Unabhängigkeit von der Türkei (Friede von San Stefano 1878). Lediglich in Altserbien (Raška, Kosovo, Metohija) und Mazedonien – wo allerdings Bulgaren, Serben und Griechen in archaischem Bandenkrieg gegeneinander und gegen die Türkenherrschaft standen – konnte sich die osmanische Oberhoheit einigermaßen behaupten. 

Anders die Entwicklung in Kroatien. Im Kampf gegen den immer dominanteren habsburgischen Absolutismus, in Abwehr der von Josef II. verfügten Bauernbefreiung hatte sich, una eademque nobilitas, der kroatische mit dem magyarischen Adel vereint und die historischen staatlichen Sonderrechte Kroatiens preisgegeben. Der Sabor übertrug sein Steuer- und Rekrutenbewilligungsrecht dem ungarischen Reichstag und ließ damit Kroatien de facto zu einem bloßen Annex Ungarns werden. Als jedoch im Gefolge der französischen Juliereignisse von 1830 der Kampf des ungarischen Reichtages gegen den Wiener Hof eine sukzessiv revolutionäre Dimension annahm, revidierte der kroatische Adel, unter bewusstem Rückgriff auf die illyrische Kulturbewegung, Position und Perspektive, und dem Aufgebot Jelačićs kam 1848/49 eine bedeutende Rolle bei der Unterwerfung des aufständischen Wien wie des aufständischen  Ungarn zu. Gleichwohl erfüllten sich entsprechende Erwartungshaltungen keineswegs und die Kroaten fanden sich schnell vereint in einer unversöhnlichen Gegnerschaft sowohl zur magyarischen Herrenklasse als auch zum Wiener Kaiserhaus, das ihre nationalen Interessen nach den großen militärischen Niederlagen von 1859 und 1866 der Verständigung mit Ungarn geopfert hatte. Mit dem gewaltsamen Oktroi  des Ausgleichs von 1868 geriet Kroatien zu wenig mehr als einem mit zynischer Korruption und brutaler Gewalt regierten ungarischen „Paschalik“ (paradigmatisch geradezu in der Ära Károly Khuen-Héderváry, 1883-1903). 

Jedenfalls blieb der Balkan ein hoch komplexes Krisengebiet erster Rangordnung. Als im Zuge des russisch-osmanischen Krieges von 1877/78 zaristische Truppen bis Konstantinopel vorstießen und der Türkei im Frieden von San Stefano überaus harte Friedensbedingungen diktiert wurden, nahm die Regierung in Wien Kriegskredite auf und mobilisierte ihre Garnisonen an der russischen Grenze. Das komplexe Gleichgewicht der wechselseitigen Neutralisierung der europäischen Großmächte, wie sie die am Wiener Kongress geschaffene Friedensordnung vorgesehen hatte, schien aus den Fugen geraten, der große europäische Krieg mit einem Schlag eine realistische Option. Eine aus diesem Anlass für den Juni 1778 nach Berlin einberufene Konferenz der Großmächte sollte demgemäß der „Ordnung der orientalischen Verhältnisse“ dienen: Die Unabhängigkeit Serbiens wurde anerkannt, und Österreich-Ungarn erhielt das Mandat zur Okkupation Bosniens, das völkerrechtlich allerdings weiter als türkische Provinz galt. 

Waren die serbischen Fürsten nach der Niederlage am Amselfeld (1389) zu Vasallen der türkischen Großherren und die serbischen Länder  nach der Katastrophe von Varna (1444) türkische Provinzen geworden, so hatte sich in Bosnien ein Teil des nationalen Adels behauptet – allerdings um den Preis der Konversion zum Islam und eines Aufgehens im herrschenden Osmanentum. Auf eben diesen muslimischen Adel nun stützte sich die neu installierte österreichisch-ungarische Administration, während sie zugleich ihre transnationale (deutsche, magyarische, polnische) Beamtenschaft der militärischen Oberhoheit unterstellte. Von dem deutschen Sozialdemokraten und führenden Theoretiker des Revisionismus, Eduard Bernstein, als ein „verdienstvolles Werk kolonialer Kulturpolitik“ charakterisiert, hat die Militärverwaltung Bosniens und der Herzegowina gleichwohl die türkische Agrarverfassung nicht angetastet und die Grundsätze moderner Staatsverwaltung lediglich in Ansätzen verwirklicht (so waren etwa Rechtspflege und Verwaltung auf der untersten Stufe nicht getrennt). Die am 5. Oktober 1908 dann vollzogene Annexion Bosniens sollte eine Geste der Stärke gegenüber den Südslawen, vor allem auch gegenüber Serbien und den großserbischen Ambitionen setzen.

Urkunde als Übersicht anzeigen

Österreich-Ungarn und die Türkei schließen einen Vertrag betreffend die Okkupation Bosniens und der Herzegowina., 21.04.1879

AT-OeStA/HHStA UR AUR, 1879 IV 21

Der in Konstantinopel abgeschlossene Friedensvertrag trägt die Unterschriften und Siegel der Bevollmächtigten Zichy, Carathéodory und Munif.

Der in Konstantinopel abgeschlossene Friedensvertrag trägt die Unterschriften und Siegel der Bevollmächtigten Zichy, Carathéodory und Munif.

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