Die jugoslawische Revolution

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich staatliche Selbständigkeit für die Südslawen lediglich in Montenegro und in Serbien verwirklicht. Letzteres war von der Dynastie der Obrenović einer Art orientalischem Despotismus unterworfen, in seinen Außenbeziehungen – Preis für die Repression nach Innen – aber nicht viel mehr als ein Vasallenstaat der habsburgischen Doppelmonarchie. Deren auswärtige Politik wiederum hatte sich seit Königgrätz und Sedan vorwiegend auf den Balkan ausgerichtet, was seine konkrete Begründung nicht zuletzt auch im Ökonomischen fand. Die Balkanländer (inklusive der Türkei) waren nach dem Deutschen Reich der zweitwichtigste Exportmarkt des Habsburgerstaates (die Ausfuhr überstieg um mehr als ein Fünftel jene nach Amerika, Asien, Afrika und Australien zusammengenommen); dem stand ein ebenso beträchtliches Importvolumen aus den Staaten der Balkanhalbinsel und der türkischen Levante gegenüber, übertroffen nur vom Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten. Als mit dem Aufstand in Mazedonien, dem Sturz der Dynastie Obrenović und dem Fall Khuen-Hédervárys in Kroatien eine revolutionäre Umwälzung einzusetzen begann, musste dies Österreich-Ungarn unmittelbar und in seinen ureigensten Interessen treffen: 1903 wurde zum emblematischen Datum der jugoslawischen Revolution. 

In diesem Jahr mündete der in Mazedonien geführte blutige Bandenkrieg bulgarischer, serbischer und griechischer Komitatschi in eine allgemeine Erhebung gegen die verhasste türkische Feudalherrschaft. In Serbien unternahm Alexander Obrenović einen Verfassungsputsch, dem seinerseits eine Militärrevolte antwortete. Ein neues Regime unter Peter Karadjorević erlässt eine demokratische Verfassung, garantiert Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit und versucht, das Land aus dem Abhängigkeitsverhältnis zur Habsburgermonarchie zu lösen. Diese reagiert mit drakonischen Sanktionen, die sich in einen förmlichen Zollkrieg fortentwickeln sollten. Schließlich war in Kroatien das korrupte Gewaltregime Khuen-Héderváry unhaltbar geworden. Es brach in dem Moment zusammen, da die Auseinandersetzung um die Kommandosprache der ungarischen Truppenkörper zum entscheidenden Kampf um die Verfügungsgewalt über die bewaffnete Macht geraten war. Der fortgesetzte Konflikt zwischen dem ungarischen Privilegienparlament und der Krone, zwischen magyarischer Grundherrenklasse und habsburgischer Königsgewalt sollte die gesamte Verfassung der Monarchie ins Wanken bringen und in eine schwere Reichskrise resultieren, die wiederum Kroaten wie Serben für ihre jeweiligen nationalen Zwecke zu instrumentalisieren suchten. 

So sah sich die Habsburgermonarchie bis zum Jahr 1908 im Zollkrieg mit Serbien, im Verfassungskonflikt mit Kroatien und konfrontiert mit bedrohlicher sozialer Gärung in Bosnien und der Herzegowina, wo die jungtürkische Revolution begeisterte Resonanz fand und die Beschickung des türkischen Parlaments durch bosnische Abgeordnete erwogen wurde. Vor diesem Hintergrund proklamiert Österreich-Ungarn am 5. Oktober dieses Jahres die Annexion Bosniens und erklärt es zu seinem dauernden Besitz. 

Mit der Annexion wurde ein bislang latenter, für die nationale Einigung der Südslawen jedoch überaus signifikanter Antagonismus virulent: jener der großserbischen versus der großkroatischen Option. Die Großkroaten, die sich auf das Königtum Kroatien als das älteste bestehende südslawische Gemeinwesen und als sozusagen natürlicher Kristallisationspunkt der südslawischen nationalen Idee beriefen, begrüßten die Annexion enthusiastisch. Der Weg zum kroatisch-serbischen Staat, der im Rahmen eines Trialismus gleichberechtigt neben Österreich und Ungarn zu treten hätte, die Trennung der südslawischen Gebiete von Ungarn und die Aufrichtung eines dritten, südslawischen Habsburgerstaates schien vorgezeichnet. Allein der Initiator und vorrangige Betreiber der bosnisch-herzegowinischen Eingliederung, Außenminister Alois Lexa von Ährenthal, ignorierte den politischen und ökonomischen Status der sich in beiden Reichsteilen und den annektierten Provinzen formierenden jugoslawischen Nation zur Gänze, die trialistische Lösung wurde nicht einmal als ein Surrogat eines nationalen Föderalismus im gesamten Donaureich angedacht. Zudem drängte die Kriegspartei am Wiener Hof um Generalstabschef Conrad von Hötzendorf während der Annexionskrise auf ein sofortiges Losschlagen und zur „Einverleibung“ Serbiens, sei dieses doch der konstante Herd jener „Aspirationen und Machinationen“, die auf die völlige Loslösung und die staatliche Selbständigkeit aller Südslawen hinaus liefen. Solch unmittelbar kriegstreiberischen Intentionen gegenüber verwies der Kaiser, nicht untypisch, auf den Imperativ des historisch Notwendigen: Dieser Krieg werde ohnehin „von selber“ kommen. 

Der europäischen Demokratie aber musste die Annexion als ein rein dynastischer Akt ohne eigentlich politischen, jedenfalls ohne nationalen Inhalt erscheinen; Parallelen und Analogien zum italienischen Freiheitskampf ein halbes Jahrhundert davor taten sich auf, Österreich galt erneut als ein reaktionäres Prinzip. Serbien fand sich in einem unüberbrückbaren Gegensatz zur Habsburgermonarchie, Frankreich und England führten nunmehr seine, die großserbische Sache. Dazu trat Russland, das nach der verheerenden Niederlage im Krieg mit Japan und den Erschütterungen der Revolution von 1905 einen beschleunigten und durchaus effizienten agrarischen, industriellen und militärischen Reformprozess durchlief. Was immer die eigentlichen Intentionen der serbischen Politik gewesen sein mögen, in ihrer konkreten Praxis geriet sie zu wenig mehr als zu einem Werkzeug des Zarismus. Und so verfestigte sich in der Problematik des jugoslawischen Nationalismus jenes Szenario, das, einer fatalen Eigenlogik gemäß, den Weg in den ersten globalen Vernichtungskrieg bereiten sollte: „Unlösbar“, wie Otto Bauer bereits 1909 prognostizieren sollte, „ohne blutigen Weltkrieg und doch nach Lösung schreiend.“

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Vortrag des Außenministers Aehrenthal über die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn auf Grund des Berliner Vertrages von 1878, 04.10.1908

AT-OeStA/HHStA KA KK Zl. 3006/1908, AT-OeStA/HHStA KA KK Direktionsakten 17-27/1908

Österreich-Ungarn annektierte Bosnien und die Herzegowina und zog seine Truppen aus dem Sandschak von Novibazar zurück. Durch den Widerstand Rußlands und Serbiens gegen diese Maßnahmen wäre es schon damals beinahe zu einem allgemeinen Krieg gekommen.

Österreich-Ungarn annektierte Bosnien und die Herzegowina und zog seine Truppen aus dem Sandschak von Novibazar zurück. Durch den Widerstand Rußlands und Serbiens gegen diese Maßnahmen wäre es schon damals beinahe zu einem allgemeinen Krieg gekommen.

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