Die inversive Moderne

Wesentliche Teile der politischen und kulturellen Elite Österreichs hatten ihre zentralen Sozialisationserfahrungen jedenfalls im nationalistisch-konservativen, meist studentischen Milieu der Jahrhundertwende gemacht und waren nachhaltig antisemitisch geprägt worden. Es war ein turbulenter, verbal radikalisierter, kasuistisch ebenso wie rassistisch, religiös ebenso wie populistisch motivierter Antisemitismus, der sich mit Antirationalismus und Mystizismus zu einem Ideologiesurrogat von hoher Sprengkraft verdichtete – eine Art Gegen-Moderne, eine inversive Moderne, die weit in die kulturellen Formationen der Spätaufklärung hinein wirksam werden sollte. Es habe sich, schrieb Adolf Hitler, in seiner Wiener Zeit sein Weltbild gebildet, eine Weltanschauung im großen und eine politische Betrachtungsweise im kleinen, die nur noch im Einzelnen ergänzt werden musste – zu ändern brauchte er nichts. Hitler hat sich zweifellos am rassischen Antisemitismus eines Georg Ritter von Schönerer orientiert sowie an den Werken von Josef Adolf Lanz, jenes mystischen Propheten des österreichischen Irrationalismus, der sich unter dem Namen Lanz von Liebenfels eine neue Identität als Rassenfanatiker und Sektenbegründer geschaffen und es immerhin bis zur Autorenschaft in der Fackel gebracht hatte. Liebenfels entwickelte in einem Gemisch von Antisemitismus und Antifeminismus eine Art neognostische Rassenideologie und propagierte die Ideale der Rassenzucht und Rassenreinheit. 

Im Zusammenhang mit dem kulturellen Wien der Moderne ist zunächst allerdings eine weitere, wenn auch von dieser nicht loslösbare Tradition von Bedeutung. Sie artikuliert in ebenso markanter wie prinzipieller Weise die Vorbehalte gegenüber der säkularen, rationalitätsgeleiteten Welt des Liberalismus/Sozialismus und der kapitalistischen Emanzipation des Individuums, formuliert deren radikale Negation und korreliert im Regelfall mit einem bis ins Pathologische übersteigerten Juden- und Frauenhass. Das wohl herausragendste Beispiel für diesen metaphysischen Antipositivismus und Kulturantisemitismus stellt das Werk Otto Weiningers dar. 

Es ist wenig wahrscheinlich, dass Weiningers Thesen direkten Einfluss auf Hitlers Weltbild genommen haben, abgesehen vielleicht von der Annahme, die Juden seien dem Diasporakonzept  einer weltweiten Verbreitung verpflichtet und dementsprechend vom Zionismus nicht zu gewinnen; eine These, die über den Umweg der Nazi-Ideologen Eckart und Rosenberg von Hitler rezipiert wurde. Dennoch ist die über weite Strecken gegebene, (zumindest partielle) argumentative und inhaltliche Identität in der so genannten „Judenfrage“, insbesondere auch in ihrem Konnex zur Arbeiterbewegung, nichts weniger als erstaunlich. Nur die Kenntnis des Judentums alleine, so Hitler, biete den Schlüssel zum Erfassen der „inneren und damit wirklichen“ Absichten der Sozialdemokratie. Es sei die  „teuflische Gewandtheit dieser Verführer“, die „dialektische Verlogenheit dieser Rasse“, die ihre eigentliche Qualität bestimmten. Wie die Frau aber, so Weiniger, könne der Jude keine Vorstellung für die Größe der Sittlichkeit oder ein Gefühl für das „Radikal-Böse“ entwickeln. Er sei ewig an sein seelenloses „kommunistisches Wesen“ gebunden, der Gegenpol des Aristokraten, das Urbild aller Atheisten, Materialisten, Freidenker, in den Wissenschaften auf die Abschaffung alles Transzendenten, aller Symbole eines „Tieferen“ konzentriert. Gleich der Frau sei das Judentum zu schöpferischer Arbeit auf den Gebieten der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Politik unfähig. 

Wann immer Hitler konkret die Erfahrungen seiner Wiener Lehr- und Leidensjahre ansprach, bezog er sich, wiewohl selbst tief in der Tradition des philosophischen Irrationalismus verhaftet, keineswegs auf die Resultate abstrakter Theoriebildung, sondern auf Praktiker, auf Männer der Tat,  die zu seinen großen Vorbildern heranwachsen sollten, im Besonderen auf Georg Schönerer. Im diesem Falle war es der radikal rassistische Antisemitismus, der Hitlers Bewunderung hervorrief, während ihm die Abgehobenheit, die (teils bewusste) Entfernung von den Massen (die ihn so sehr von Lueger unterschied) als der zentrale Schwachpunkt galt. Schönerer, eine eigentümliche Mischung aus Gangster, Philister und Aristokrat mit Stammsitz im Waldviertler Schloss Rosenau, organisierte den radikalen Deutschnationalismus und gab ihm seine rassenantisemitische Ausrichtung. Er selbst hielt sich für den ritterlich-männlichen, kämpferischen Erlöser des deutschen Volkes und dessen Retter vor dem Judentum, diesem omnipräsenten, alles durch- und zersetzenden blutsaugenden Vampir

Der Rassenantisemitismus erwies sich als der ideologische Kitt, als politische Klammer, die als negatives Prinzip die Zusammenführung von antisozialistischen, antikapitalistischen, antikatholischen, antiliberalen und antihabsburgischen Elementen und Versatzstücken ermöglichte. Schönerers Klientel rekrutierte sich aus den handwerklichen Schichten des unteren Mittelstandes, die, von akuter Proletarisierung bedroht, von der industriellen Moderne und kapitalistischen Modernisierung zerrieben zu werden drohten. Sie rekrutierte sich zu einem weiteren Teil aus der deutschen, vom Geiste romantisch-nationalistischer Rebellion erfüllten Studentenschaft, die dem übernationalen „verjudeten“ Liberalismus den Kampf angesagt hatte. Der gewalttätige, demagogische und verspätete Don Quichote aus Rosenau sollte mit seinem pseudofeudalen Gefolge allerdings niemals über den Status einer politischen Sekte hinaus gelangen; die Verankerung im Tableau einer sich formierenden Massenpolitik gelang, trotz aller inszenierten Krawalle und allem „spontanen“ Aktionismus, zu keinem Zeitpunkt.

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Antisemitische Karikatur "Deutscher Bauer, wache auf!", um 1880

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 51

Drei karikierte jüdische Bankiers winken mit einem Wechsel, einem Schuldschein und einer Hypothek von einem Pflug, den der Bauer durch diese Belastung offensichtlich nicht mehr von der Stelle bringt. Damit wollten Deutschnationale bei der bäuerlichen Bevölkerung Stimmung gegen "jüdischen Wucher" machen.

Drei karikierte jüdische Bankiers winken mit einem Wechsel, einem Schuldschein und einer Hypothek von einem Pflug, den der Bauer durch diese Belastung offensichtlich nicht mehr von der Stelle bringt. Damit wollten Deutschnationale bei der bäuerlichen Bevölkerung Stimmung gegen "jüdischen Wucher" machen.

Zeitschrift (Farblithografie) als Übersicht anzeigen

Georg (Ritter von) Schönerer, Zeitschrift "Die Bombe" vom 2. April 1882, Titelblatt mit antisemitischer Darstellung, 02.04.1882

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 51

Die Darstellung Schönerers mit preußischer Pickelhaube bezieht sich auf dessen Begeisterung für alles Deutsche, wohingegen seine Aggressivität gegenüber Juden durch aufgespießte Köpfe deutlichen Ausdruck findet.

Die Darstellung Schönerers mit preußischer Pickelhaube bezieht sich auf dessen Begeisterung für alles Deutsche, wohingegen seine Aggressivität gegenüber Juden durch aufgespießte Köpfe deutlichen Ausdruck findet.

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Georg (Ritter von) Schönerer, Das Programm der deutschnationalen Antisemiten "Linzer Programm", 1882

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 35

Das ursprüngliche Linzer Programm von 1882 prägte ein breiter Konsens antiklerikaler Reformpolitiker. Nachdem auf Anregung Schönerers 1885 ein sogenannter "Arierparagraph" sowie andere antisemitische Ausführungen hinzugefügt wurden, beschränkte sich der Zuspruch auf Anhänger Schönerers.

Das ursprüngliche Linzer Programm von 1882 prägte ein breiter Konsens antiklerikaler Reformpolitiker. Nachdem auf Anregung Schönerers 1885 ein sogenannter "Arierparagraph" sowie andere antisemitische Ausführungen hinzugefügt wurden, beschränkte sich der Zuspruch auf Anhänger Schönerers.

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Georg (Ritter von) Schönerer, Flugzettel zum Linzer Programm, 1885

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 35

Schönerer erweiterte 1885 das Linzer Programm mit der Forderung nach "Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens".

Schönerer erweiterte 1885 das Linzer Programm mit der Forderung nach "Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens".

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Georg (Ritter von) Schönerer, Rede gehalten am 26. November 1886 im Sophiensaal, Wien, 26.11.1886

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 51

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Ernst Vergani, gegen Schönerer gerichtete öffentliche Erklärung, 07.03.1897

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 48

Ernst Vergani (1848-1915), einstmaliger Weggefährte Schönerers führte 1897 einen Ehrenbeleidigungsprozess gegen diesen, der jedoch mit einem Freispruch Schönerers endete. Vergani war Mitbegründer und Obmann der ersten Raiffeisenkasse Österreichs.

Ernst Vergani (1848-1915), einstmaliger Weggefährte Schönerers führte 1897 einen Ehrenbeleidigungsprozess gegen diesen, der jedoch mit einem Freispruch Schönerers endete. Vergani war Mitbegründer und Obmann der ersten Raiffeisenkasse Österreichs.

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Georg (Ritter von) Schönerer, Aufruf "An das deutsche Volk", 1897/98

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 48

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