Die evasive Kaiserin

Die Begründung für die Benennung des auf Korfu errichteten, abgeschotteten klassizistischen Schlosses nach ihrer bevorzugten Heldengestalt aus der antiken Mythologie (Achilleon) geriet ihr, wohl unbewusst, zur eindringlichen Selbstcharakterisierung: Von der Personifikation der Schönheit war hier die Rede, von „Schnellfüßigkeit“, Stärke und Trotz, von der Verachtung „aller Könige“ und Traditionen ebenso wie der „Menschenmassen“, von der „Heilighaltung“ des eigenen Willens, der eigenen Träume, der Trauer. Einem weiteren ihrer Heroen zollte sie hier Tribut, ihrem literarischen „Meister“, dem herausragenden Poeten, demokratischen Revolutionär und humanistischen Sozialisten Heinrich Heine, dem sie in einem kleinen Tempel im Garten des Achilleons ein Denkmal errichten ließ und mit dem sie, wie auch mit Ludwig II. von Bayern, in spiritistischem Kontakt zu stehen vermeinte. Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, extravagant, kapriziös, hoch intelligent und hoch neurotisch, ist in der Tat eine Persönlichkeit von überaus komplexer Struktur, voll von Widersprüchen und Paradoxien, eine Figur, die sich der herkömmlichen, üblichen Kategorisierungen und Bedeutungen schlicht entzieht. Nichts an ihr war Konvention, nichts Alltäglichkeit; eine atemberaubende Schönheit, umgeben von der Aura des Geheimnisvollen, verzweifelt ob der Leere und Perspektivlosigkeit ihrer Ehe, in unversöhnlicher Abneigung gegen Protokoll und Hof, in Permanenz auf Reisen und zunehmend menschenscheu, wird ihr Leben sukzessive zu einer obsessiven, manisch anmutenden Flucht vor dem Selbst, vor der „ständigen Unruhe ihrer Seele“.

Sechzehnjährig, am 24. April 1854, heiratet Sissi, Tochter eines eigenwilligen, literarisch und journalistisch begabten (anti-)aristokratischen Bohemiens aus einer Wittelsbacher Nebenlinie, ihren Cousin Franz Joseph. Mit drei Geburten innerhalb von vier Jahren erfüllt sie Pflicht und Erwartung. Vom ersten Tag ihrer Ehe an aber sucht sie Zuflucht in der Krankheit: Husten- und Fieberanfälle, tagelange, nicht enden wollende Weinkrämpfe, Schlaflosigkeit, „Bleichsucht“, chronische „Überreizung“ der Nerven. Ein Krankheitsbild, dessen Symptome das 19. Jahrhundert wohl der weiblichen Hysterie zugeordnet hat – jener, wie wir heute wissen, großen Krankheit der Irrationalität, der Unberechenbarkeit, der Undefinierbarkeit, in der sich in erster Linie die Auflehnung gegen eine im Sinne der Fortpflanzungsfunktion reduzierte Sexualität ausdrückt. In enger Verbindung dazu ist die Anorexie, die Nahrungsverweigerung, die Magersucht zu sehen. Immer wieder wird von der „tiefsten Abscheu“ der Kaiserin vor „jeder Nahrung“ berichtet, mit einer Willensstärke sondergleichen hat sie ihre Hungerkuren bis in ihr fortgeschrittenes Alter durchgezogen, in den 1890ern diagnostiziert der Arzt Victor Eisenmenger bei der „sonst gesunden Frau“ ein Hungerödem. Es ist ein Kampf auf strikt individueller Ebene, die Reaktion des Ich auf eine bestimmte soziokulturelle Dynamik, die dieses Ich verleugnet und die von ihm seinerseits verweigert wird – eine ausschließlich auf die eigene Person fokussierte Form der Resistenz, und doch in besonderer Weise geeignet, die Dynamik selbst in Frage zu stellen.

Den akkumulierten Zumutungen seitens des Hofes und vor allem auch ihrer Schwiegermutter/Tante begegnet Sissi mit den Mitteln der hinhaltenden, passiven Resistenz, ihrer Ehe entzieht sie sich, wann immer sie kann, vermittels Reisen und Auslandsaufenthalten (Madeira, Korfu), Repräsentationspflichten nimmt sie de facto nicht oder nur äußerst widerstrebend wahr. Zugleich kann ihr Aufbegehren aber auch weitaus subtilere Facetten annehmen. Sie, die als ausgesprochen magyarophil gilt und sich mit einer an Fanatismus grenzenden Energie für den Ausgleich mit Ungarn einsetzen wird, erlernt, obwohl allgemein als sprachunbegabt eingeschätzt, das Ungarische binnen kürzester Zeit und vermag es akzentfrei zu sprechen; ihre spät geborene Tochter Valerie erzieht sie in dieser Sprache,  in der auch, ab einem bestimmten Zeitpunkt, die Korrespondenz mit Franz Joseph gehalten ist. So sehr sie Zeremoniell und höfische Etikette verachtet, so sehr fasziniert sie das Andere, Gegenläufige; sie interessiert sich intensiv für „Irrenanstalten“ und die neuesten Therapieansätze mittels Hypnose, oder versammelt, wie der Leibkammerdiener des Kaisers entsetzt berichtet, in Schloss Gödöllö (einem Geschenk der ungarischen Magnaten) Roma-Musikanten, „lichtscheues Pack“, schmutzstarrend und in Fetzen gehüllt. Hier nimmt sie auch Reitunterricht bei den berühmten Kunstreiterinnen des Zirkus Renz, Emilie Loiset und Elise Petzold.

Eine auf den ersten Blick eher marginale Episode aus dem Jahr 1882 scheint geeignet, das so überaus komplizierte Seelenleben der Kaiserin beispielhaft zu erschließen. Auf wiederholtes Drängen der Generalität hatte sie sich bereit erklärt, dieses eine, einzige Mal bei der Kaiserparade auf der Schmelz präsent zu sein – jener grandiosen Heerschau der multinationalen habsburgischen Streitkräfte, die einmal jährlich den inneren Zusammenhalt gleichermaßen wie die ungebrochene militärische Stärke des Vielvölkerstaates suggerierte und der Franz Joseph in symbolischer wie realpolitischer Hinsicht höchste Priorität zumaß. Neben Kaiser, Kronprinz und Kronprinzessin nahm sie, die überzeugte Antimilitaristin, den stundenlangen Vorbeimarsch ab, schön, unnahbar, entrückt, wie aus einem Guss auf ihrem Lieblingspferd, dem sie den Namen Nihilist gegeben hatte.

Elisabeths neurotisch aufgeladene Widersetzlichkeit, ihr beinahe ausschließlich auf und um sich selbst bezogenes Aufbegehren nimmt unterschiedliche Formen an, äußert sich in einem kompulsiven Aktionismus ebenso wie in einem extensiv betriebenen Körper- und Schönheitskult, der durchaus quasi-religiöse Dimensionen annehmen konnte. Die Vollkommenheit ihres Körpers sei Sissis „alles beherrschende, leidenschaftliche Liebe“ gewesen, ihre Schönheit habe sie angebetet „wie ein Heide seinen Götzen“ (so Marie Larisch, eine Nichte der Kaiserin). Zugleich sind damit klare Grenzen definiert: Sie liebt es, von Männern bis zur Anbetung verehrt zu werden, verweigert letztlich aber, symptomatisch für ihre Anorexie, die Sexualität; selbst ihre „großen Affären“, mit Graf Gyula Andrássy und ihrem schottischen Reittrainer Bay Middleton, liefen, wie es scheinen will, im ebenso komplexen wie rigiden Rahmen dieser Vorgaben ab. Von ihrem 38. bis zum 45. Lebensjahr verbringt sie jeden Tag im Sattel, gelegentlich bis zu acht Stunden lang: Sissi führt das Leben einer Spitzensportlerin, umgibt sich mit einer Coterie österreichisch-ungarischer Kavaliere (darunter nicht zuletzt Graf Elémer Batthyany, Sohn jenes aufständischen Ministerpräsidenten, den Franz Joseph 1849 unter demütigenden Umständen hatte hinrichten lassen) und misst sich in England wie in Irland bei wilden Parforcejagden mit der männlichen europäischen Reiterelite. Mit dem Auftreten erster Altersbeschwerden kompensiert sie ihre Bewegungsmanie und unternimmt, täglich und wetterunabhängig, stundenlange Gewaltmärsche, begleitet von (völlig überforderten) Hofdamen oder jungen griechischen Vorlesern, die ihr die Odyssee in Originalsprache vorzutragen hatten.

Die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens durchrast sie förmlich: ein weiblicher Fliegender Holländer, schreibt die Kaiserin, werde sie sein, Ahasver vergleichsweise ein „Stubenhocker“. Seit der Tragödie um ihren Sohn Rudolf ist sie nur noch gänzlich schwarz gekleidet, verdeckt sie ihr alterndes Gesicht mit den ausnehmend schlechten Zähnen hinter Fächer und Schirm, lässt keinerlei Fotos oder Portraits mehr zu. In der europäischen Presse werden zunehmend Stimmen laut, die schlicht von Irrsinn oder von einem lange angelegten, hochgradigen Nervenleiden sprechen. Am 10. September 1898 ist sie am Quai Mont Blanc in Genf unterwegs, als sie einem mit einer geschliffenen Feile ausgeführten Attentat des sozial verwahrlosten Anarchisten Luigi Luccheni zum Opfer fällt. Zehn Minuten geht Elisabeth noch weiter, dann bricht sie zusammen. Selbstverständlich wurde ihrem Wunsch, „am Meer, am liebsten in Korfu“ ihre letzte Ruhestätte zu finden, nicht entsprochen.

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Ehevertrag von Elisabeth Herzogin von Bayern und Kaiser Franz Joseph I., 04.03.1854

AT-OeStA/HHStA UR FUK 246

Ehevertrag zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Herzogin Elisabeth von Bayern, abgeschlossen durch die hierzu Bevollmächtigten.

Ehevertrag zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Herzogin Elisabeth von Bayern, abgeschlossen durch die hierzu Bevollmächtigten.

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Obduktionsbericht Kaiserin Elisabeth, 12.09.1898

AT-OeStA/HHStA UR FUK 2790, 2791

Nach dem gewaltsamen Tod von Kaiserin Elisabeth wurden am 11. September 1898 in Genf Leichenschau und Autopsie durchgeführt.

Nach dem gewaltsamen Tod von Kaiserin Elisabeth wurden am 11. September 1898 in Genf Leichenschau und Autopsie durchgeführt.

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Fotografie des Luigi Lucheni., 1898

AT-OeStA/HHStA SB Sammlungen Bilder Personen 16

Polizeifoto von Lucheni, en face und im Profil. Aufschrift "Lucheni Louis. 5855"

Polizeifoto von Lucheni, en face und im Profil. Aufschrift "Lucheni Louis. 5855"

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