Der Mann ohne Eigenschaften

Die an der Wiener Peripherie gelegene Schmelz war ein ebenso vielfältig codierter wie unterschiedlich genutzter Ort – ein riesiges, weitläufiges städtisches Niemandsland, das sich auf ursprünglich rund 50 Hektar vom (heutigen) Neubaugürtel leicht ansteigend gegen Breitensee hin erstreckte. Eine österreichische Schicksalslandschaft wie kaum eine zweite: Zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung hatte Großwesir Kara Mustafa hier eine riesige Zeltstadt errichten lassen, 1809 hatte Napoleon ebenda die Parade seiner siegreichen Truppen abgenommen, und im Oktober 1848 war sie einer jener Orte, an denen das Ende der bürgerlichen Revolution eingeläutet wurde, als die Truppen des Fürsten Windischgrätz die im Schmelzer Friedhof verschanzten Mobilgarden sturmreif schossen und anschließend Mann für Mann niedermetzelten. Ab den späten 1870er Jahren hielt die urbane Moderne Einzug und der nördliche Teil der Schmelz wurde, in orthogonaler Rasteraufteilung nach amerikanischen Mustern, mit Spekulationsobjekten, sog. Zinskasernen, überzogen – in quantitativer Hinsicht eine der bedeutendsten Bauleistungen der Geschichte Wiens. Dennoch bleibt ein wesentlicher Teil des Gesamtareals unverbautes Brach- und Heideland, die größte „Gstettn“ Wiens, Spiel- und Tummelplatz der Vorstadtjugend, allnächtlich jedoch von den berüchtigten, gefürchteten Platten und Gangs aus Fünfhaus und Neulerchenfeld in Beschlag genommen. 

Allem voran aber ist die Schmelz militärisches Übungsgelände, ein mit schwarz-gelben Holzpfählen, später gusseisernen Obelisken abgesteckter Truppenübungs- und Exerzierplatz der Wiener Garnison, Schauplatz, wie Alfred Polgar schreiben wird, „zahlreicher Manöversiege der österreichischen bewaffneten Macht“. Und eben hier begibt sich alljährlich das „glänzende und gleißende“ Spektakel der Kaiserparade, dessen eigentlicher Sinn es sein sollte, der ordnenden Idee des Vielvölkerstaates sichtbare, sozusagen sinnliche Gestalt zu geben. In grandiosem Ritual – Nachhall und letzter Ausklang der barocken Militär- und Rossballette aus Leopoldinischer Zeit – erstand hier alljährlich das übernationale Großreich als Imagination und Inszenierung. Der militärische Wert des Defilees der in der Reichshaupt- und Residenzstadt „garnisonierenden“ erbländischen und böhmischen Regimenter, der ruthenischen, polnischen, bosnischen, magyarischen Formationen war zweifellos eher gering; es war vielmehr ein Akt der Selbstvergewisserung, die psychologische Wirkung einer Selbstbestätigung im Symbolischen. Ein einzigartiges Volksfest zudem, das den gesamten sozialen Körper erfasste, von der in Privatequipagen aufgefahrenen Hocharistokratie und Diplomatie bis hin zur vorstädtischen Elendsjugend. 

In der militärischen Massenchoreographie, in ihrer strikt reglementierten, ja ritualisierten Ablaufstruktur, in der Funktion vor allem, die dem Obersten Kriegsherren dabei zukam, erschließen sich geradezu paradigmatisch Gedankenwelt, Gesinnung und Charakter eines Herrschers, dem man zwangsneurotische Pedanterie ebenso nachsagte wie er mit der Fortdauer seiner beinahe sieben Jahrzehnte währenden Regentschaft in den Status eines unpersönlichen Monarchen entrückt war. Im disziplinierten, gemessenen, leidenschaftslosen Beharren, im Aufgehen sozusagen in der von Gott verliehenen Bestimmung und Bürde war die Person selbst sukzessive entschwunden und eigentlich nur, wie Friedrich Austerlitz in einem berühmten Nachruf in der Arbeiter-Zeitung schrieb, die Funktion übrig geblieben. Und doch war dieser oberste Bürokrat des kakanischen, multinationalen mitteleuropäischen Staatenkonstruktes vor allem auch Soldat mit Leib und Seele, der wie selbstverständlich in Armee und Militarismus den realen, bestimmenden und verbindlichen Machtfaktor seines Reiches erblickte; noch zu Zeiten verschärfter Nationalitätenkämpfe und wüster nationaler Obstruktion dekretierte er im Armeebefehl von Chlopý, dass sein Heer „gemeinsam und einheitlich, wie es ist“ bleiben solle. Gleichwohl war es – unter dem Eindruck einer Reihe von verheerenden Niederlagen, für die er zu einem guten Teil persönlich verantwortlich zeichnete – eine eigenartige, ganz spezifische Form von Militarismus, ein Soldatentum von der Art, wie es Joseph Roth im Radetzkymarsch so meisterhaft charakterisiert hat: „Er hatte Kriege nicht gern (denn er wußte, daß man sie verliert) aber das Militär liebte er, das Kriegsspiel, die Uniform, die Gewehrübungen, die Parade, die Defilierung und das Kompagnieexerzieren. […] Er sehnte sich nach Manövern.“ 

Franz Joseph I. wird in eine Ära des Aufruhrs, der Revolte, der Rebellion hineingeboren. Als er, achtzehnjährig, gegen Ende des gesamteuropäischen Revolutionsjahres 1848 unter durchaus problematischen Umständen den Thron besteigt, durchläuft der habsburgische Vielvölkerstaat eine schwere existenzielle Krise, befindet sich in Auflösung und blutigem Bürgerkrieg; am Aufstand Wiens und am Abfall der Ungarn droht das Reich zu zerbrechen. So steht am Anfang der Regentschaft dieses Kaisers der Krieg und der Terror gegen die eigene Bevölkerung, an ihrem Ende, nach beinahe sieben Jahrzehnten, das traumatische Inferno des industrialisierten Maschinen- und Massenvernichtungskrieges. 

Eine auffällige Versatilität, ein gelegentlich durchaus radikaler Perspektivenwechsel, das oftmals abrupte und seiner inneren Logik nach häufig nur schwer nachvollziehbare Changieren zwischen scheinbar unvereinbaren und unversöhnlichen Positionen, die Inkonsistenz (staats-)politischer Haltungen und Zielvorstellungen, die Unbeständigkeit im Institutionellen wie im Personellen: All dies zieht sich als eine der (wenigen) Konstanten durch die gesamte Regierungszeit Franz Josephs, die als eine lange währende und überaus widersprüchliche Ära voller Kontingenz und Gegenläufigkeit, des beständigen Wechsels zwischen Absolutismus, Staatsgrundgesetzen und Verfassungssistierung, Konkordat und bürgerlicher Freiheit, deutscher und slawischer Dominanz, Föderalismus und Einheitsstaat erscheint. Eine einheitliche, konsistente, theoretisch wie praktisch-politisch untermauerte Auffassung vom Staat und den Prinzipien des Regierens wird man darin nur schwerlich ausmachen können. Und doch war bei aller (scheinbaren) Inkonsistenz die Bewusstheit des Zweckes stets manifest: Die alte Macht, das transnationale Großreich, das Primat des Dynastischen dem jeweils Neuen anzupassen, sie in das Jetzt zu transferieren und eben dadurch zu erhalten; in Franz Joseph schien so, wie Friedrich Austerlitz schreibt, das Gegenwärtige und Zukünftige mit dem Vergangenen „gleichsam verknüpft.“  

Es ist ein gewaltiger Zeitraum geprägt von fundamentalen Veränderungen im Ökonomischen, Sozialen und Kulturellen, den die Regentschaft dieses Herrschers umschließt, eine umbildende und umschaffende Zeit, deren geschichtsmächtige Umwälzungen er durchlebt und durch sein individuelles Leben gleichsam abgrenzt. Franz Joseph bestieg den Thron zu einem Zeitpunkt, da die ständisch-patrimoniale Verfassung, die feudale Wirtschaftsorganisation zerfiel und sich die bürgerlich-kapitalistische Produktionsweise, die industrielle Moderne – wie auch immer retardierend und doch mit all ihren politischen und sozialen Langzeiteffekten – zu etablieren begann. Die Entwicklung der großen Industrie und der effizienten Organisation des großen Handels, der Aufbau einer modernen Verkehrsinfrastruktur kennzeichnen seine Ära genauso wie das Auftreten einer eigenständigen, selbstbewussten, selbstorganisierten Arbeiterbewegung oder der stetig fortschreitende und schließlich fürchterliche Gewalt annehmende Prozess der Nationalisierung der Massen. Es sind Prozesse des Ungleichzeitigen, und die nationalen Kämpfe werden das auf einem komplexen Neben- und Ineinander der unterschiedlichsten Entwicklungsniveaus basierende Vielvölkerreich schließlich zerbrechen lassen. Als der Kaiser Ende 1916 – lediglich einen Monat nach dem spektakulären Attentat Friedrich Adlers auf den Ministerpräsidenten Graf Stürgkh verstarb –  ging nicht bloß eine Ära oder Epoche zu Ende. Es war, in den letzten Tagen der Menschheit, das Ende einer Welt, das schließliche Ende des Hauses Habsburg, das er so lange hinauszuzögern imstande gewesen war.

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Armee-Befehl von Chlopy, 16.09.1903

AT-OeStA/KA MKSM 29-1/9 ex 1903

Armeebefehl, von Kaiser Franz Joseph bei den Kavallerie-Manövern in Galizien erlassen, legt das Festhalten des Kaisers und Königs an der Einheit der Armee fest.

Armeebefehl, von Kaiser Franz Joseph bei den Kavallerie-Manövern in Galizien erlassen, legt das Festhalten des Kaisers und Königs an der Einheit der Armee fest.

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