Der Hofrat der Revolution und eine k.k. priv. Sozialdemokratie

Der jüdisch-bürgerliche, freisinnige Intellektuelle Victor Adler darf als eine geradezu paradigmatische Figur der Wiener Moderne gelten: Da ist der begüterte, in Prag geborene Sohn einer nach Wien übersiedelten und kommerziell erfolgreichen Handelsfamilie; der junge anti-habsburgische, den republikanischen Idealen der 1848er Revolution verpflichtete Deutschnationale, der zum Protestantismus konvertiert, um sich und seinen Kindern das „Entree-Billett“ zur deutschen Kultur zu eröffnen; der jüdisch-assimilierte, fanatische Schopenhauer-Verehrer, der einen erlesenen Kreis junger Künstler und Intellektueller um sich schart; der Mediziner, der, wie Sigmund Freud nach ihm, bei dem Gehirnphysiologen Meynert Assistent wird und bei dem Pariser Psychopathologen Charcot studiert; der Armenarzt, der in seiner Praxis in der Berggasse 19 (späterhin Sitz von Freuds Ordination und Privatwohnung) täglich mit einem unsäglichen Proletarierelend konfrontiert wird; der Zeitungsherausgeber, der mit aufrüttelnden Sozialreportagen über das Los der Ziegelarbeiter und der Tramwaybediensteten einen direkten Blick in einen für undenkbar gehaltenen sozialen Abgrund nur wenig abseits des Ringstraßenglanzes eröffnet; der Gründer und Organisator einer demokratischen Massenpartei neuen Stils, die er zu einer im innerösterreichischen Vergleich unerreichten Durchschlags- und Mobilisierungskraft führt; der Dandy, Gesellschaftslöwe, Stammgast literarischer Salons und gelegentliche Gast des Casinos in Monaco; da ist schließlich der elder statesman, der als Außenminister den „verbliebenen Rest“ der Monarchie in eine demokratische Republik überführt und einen Tag vor deren Ausrufung verstirbt. 

Als überzeugter Aufklärer und Rationalist hatte er eine Konzeption der Modernisierung und der Zivilisierung der Massen entworfen, und doch auch stets, als passionierter Wagnerianer, das Volk als Gesamtkunstwerk zu inszenieren versucht; wie überhaupt sein Wirken und seine Politik ihre Grundierung, ihre prinzipielle Grundlegung zu einem wesentlichen Teil in der ästhetischen Religion Richard Wagners fanden. Adler verkörperte und repräsentierte somit – auch und gerade als exponierter Sozialdemokrat, als, wie er Friedrich Engels gegenüber einmal ironisch bemerkt hat, Hofrat der Revolution – vieles von dem, was ein akkulturiertes und assimiliertes  großbürgerliches Wiener Judentum in seiner sozialen Qualität und kulturellen Signifikanz ausmachte. In seiner Studienzeit war er, wie Freud auch, führendes Ausschussmitglied des von Franz von Liszt gegründeten Lesevereins der deutschen Studenten Wiens, des intellektuellen Zentrums der rebellierenden deutschnationalen Jugend, gewesen. Der Nachhall der bürgerlichen Revolution von 1848, die Ideale der radikalen Demokratie, der allgemeinen bürgerlichen Freiheiten und der deutschen Einigung schlugen diese Jugend in ihren Bann; andererseits erwiesen sich die mit 1873 einsetzende ökonomischen Depression und, damit korrespondierend, die gesellschaftliche Stagnation und die Krise des politischen Liberalismus als formative Erfahrung. 

Als Mitte der 1880er Jahre ein wesentlicher Teil der deutschnationalen Bewegung unter Georg Ritter von Schönerer den Rassenantisemitismus zum politischen System ausbaute, findet Adler den Weg zu einer sich neu formierenden Sozialdemokratie – und bringt qualitativ neue Konzepte des Politischen mit ein: Massenorganisation und Massenpartei, demokratisch-konstitutionelle Strategie, gesellschaftliche Modernisierung. Die Sozialdemokratie habe die Interessen der ganzen Nation zu repräsentieren und der Arbeiterschaft im Wege der Befreiung aus ihrer sozialen Not den Zugang zu den Gütern der nationalen Kultur zu eröffnen. Die großen Versprechungen der Moderne und des Liberalismus – Bildung, Gleichheit, Fortschritt, Wohlstand, Kultur – sollten nicht nur einer schmalen Elite vorbehalten sein, sondern zum „wahren Universalismus“ des gesamten Volkes werden. Die Revolutionierung der Gehirne, so Adler, sei die eigentliche Aufgabe, das nächste Ziel der Sozialdemokratie: Ein Projekt, das eine konkrete Ahnung eines möglichen Besseren im Hier und Jetzt vermitteln sollte; ein Projekt also, das auf die Zivilisierung und Kulturalisierung der Massen, also auf die umfassende Hebung ihrer lebensweltlichen und sozialen, vor allem aber kulturellen Standards abzielte. Eine Utopie des Egalitären, zu deren Umsetzung es einer Meisterschaft in empirischer Politik bedurfte und die zunächst einmal die Eroberung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts zu ihrer Grundvoraussetzung hatte. 

Adlers herausragende taktische Fähigkeiten sollten in diesem Kampf um das Wahlrecht ab Beginn der 1890er Jahre voll zur Entfaltung kommen. Die nach einem Wahlsieg der kleinbürgerlich-demokratischen Jungtschechen schwer erschütterte Regierungsmehrheit des Grafen Taaffe legte im Oktober 1893 einen Wahlreformentwurf vor, der durch die Einführung des allgemeinen Männer-Wahlrechts in den Kurien der Städte und Landgemeinden den großbürgerlichen Liberalismus entscheidend treffen und gleichzeitig den kleinbürgerlichen Nationalismus durch die Aufwertung der Sozialdemokratie paralysieren sollte. Von der als politische Kraft zu diesem Zeitpunkt noch kaum wahrgenommenen Arbeiterbewegung wurde der Entwurf als unmittelbarer Erfolg ihrer großen Straßendemonstrationen gefeiert; die Gewerkschaften wie auch die alten Radikalen um Schuhmeier und Ellenbogen forderten vehement den Generalstreik, um die Durchsetzung der Reform zu erzwingen. Adler aber widersetzte sich dem politischen Massenstreik. Er war tief davon überzeugt, dass eine Herausforderung der unerschütterten Militärmacht der Monarchie mit einem Desaster der jungen, noch ungefestigten Bewegung hätte enden müssen – einer Bewegung, die, wie er als Argument auf dem Parteitag 1894 einbrachte, ganze 137 Gulden in der Parteikasse abzählen konnte. Er stoppte die Wahlrechtsagitation, schob den Streik „auf die lange Bank des Parteitags“ und ließ sich von Engels beglückwünschen „zu der Art, wie Du den Generalstreik in Schlummer gewiegt hast.“ 

Als die hervorragende wirtschaftliche Konjunktur der Jahre 1904-07 dann den Mitgliederstand der Gewerkschaften von 190.000 auf über 500.000, und jenen der Partei von 20.000  auf über 110.000 ansteigen ließ, und die Krone zur gleichen Zeit den  rebellischen magyarischen Adel vermittels Ankündigung eines allgemeinen Wahlrechts für Ungarn einschüchterte, wurde der Wahlrechtskampf in vollem Umfang wieder aufgenommen. Adler schloss nunmehr den politischen Massenstreik „als letztes Mittel“ nicht länger aus und schwenkte zugleich auf jene Linie lassalleanischer Politik ein, die er 1893 noch verworfen hatte: Die Allianz mit Dynastie und Bürokratie gegen das Privilegienparlament – ein stiller historischer Kompromiss zwischen Krone und Arbeiterklasse. Es war der Kaiser, der aus der nüchternen Erwägung heraus, dass einzig das allgemeine Wahlrecht diesem Staat den so dringend benötigten soziale Halt gegen die zentrifugalen nationalen Tendenzen geben könne, es war der Kaiser, der seinen Ministerpräsidenten Gautsch drängte, ein Wahlreformgesetz vorzulegen; und es war Adler, dem im Wahlreformausschuss die Aufgabe zufiel, dieses Gesetz gegen den zähen Widerstand der historischen Parteien des Reichsrates durchzufechten. Er entledigte sich dieser Aufgabe mit der ihm eigenen taktischen Brillanz. Die als Kleine Internationale in Form einer Föderation nationaler Teilparteien organisierte Sozialdemokratie hatte sich mit ihrem Brünner Nationalitätenprogramm von 1899 auf die Neugestaltung der Monarchie als föderalistischen Bundesstaat festgelegt; nunmehr tat sie, in beinahe ironischer Wendung, den ersten Schritt zur eigentlichen Staatspartei. Als im Dezember 1906 das allgemeine und gleiche Männer-Wahlrecht Realität geworden war, hatte die österreichische Arbeiterpartei ihren bisher größten Sieg errungen und sich zugleich, nicht unverdient, den Ruf einer k. k. priv. Sozialdemokratie erworben.

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Entwurf der kaiserlichen Entschließung über die Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1907, 26.01.1907

AT-OeStA/HHStA KA KK Zl. 288/1907

Die ersten allgemeinen Wahlen in Österreich fanden unter Ausschluss der Frauen im Mai 1907 statt. Die neuen demokratischen Massenparteien, die Christlichsozialen und Sozialdemokraten, gingen in etwa stimmengleich aus ihnen als Sieger hervor.

Die ersten allgemeinen Wahlen in Österreich fanden unter Ausschluss der Frauen im Mai 1907 statt. Die neuen demokratischen Massenparteien, die Christlichsozialen und Sozialdemokraten, gingen in etwa stimmengleich aus ihnen als Sieger hervor.

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Reichsrats-Wahlkarte von Österreich auf Grundlage des gleichen und allgemeinen Wahlrechts, 1907

AT-OeStA/KA KPS KS B IX c, 155-1

Die Karte zeigt u.a. die politischen und nationalen Parteigruppierungen im österreichischen Abgeordnetenhaus von 1873 bis 1907.

Die Karte zeigt u.a. die politischen und nationalen Parteigruppierungen im österreichischen Abgeordnetenhaus von 1873 bis 1907.

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