„Dem Volke, was des Volkes ist“ – Karl Lueger und die Erfindung der Massenpolitik

Im Gefolge der fatalen Finanz- und Spekulationskrise von 1873 formierte sich die politische und soziale Revolte. Es war eine antiliberale, archaische, diffuse Bewegung, die vom Handwerk ihren Ausgang nahm, und es war zugleich mehr. Ökonomisch war dem Liberalismus zwar ein gigantischer Aufholprozess gelungen, soziokulturell blieb er aber exklusiv auf das Besitzbürgertum beschränkt. Die bloß einseitige Proklamation von Freiheit und Fortschritt für die Gebildeten und materiell Begüterten führte letztlich zu massiven politischen Gegenbewegungen derer, die vom Glanz der Ringstraße und den Segnungen des so spät gekommenen Kapitalismus ausgeschlossen waren. Es ist eine „romantische“ Kritik an der „Anarchie“ der liberalkapitalistischen Wirtschaftsordnung und den von ihr hervorgerufenen sozialen Spaltungen und Defiziten. Es ist zudem eine Kritik an dem als spezifisch „jüdisch“ identifizierten Finanzkapital, musste doch, speziell in Wien, wer den Liberalismus bekämpfte, zwangsweise auch das in diesem Sektor stark vertretene jüdische Bürgertum treffen.

In den turbulent und hitzig verlaufenden Volks- und Wählerversammlungen dieser Zeit feierte mit dem Advokaten Dr. Karl Lueger, genannt der „schöne Karl“, ein Massenpolitiker völlig neuen Stils wahre Triumphe – ein begnadeter Populist und hinreißender Rhetoriker, ein Volkstribun allenthalben, ehedem selbst ein Liberaler. Er gab der unorganisierten Protestbewegung Richtung und Struktur, verhalf ihr zum öffentlichen, politischen Ausdruck, erweiterte ihre soziale Basis, verlieh ihr eine Stimme, brachte sie zum Bewusstsein ihrer selbst. Felix Salten, für den sich in Lueger der Wille einer Epoche erfüllt hat: „Er bestätigt die Wiener Unterschicht in all ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu Gassenhauern, in diesem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu ihnen spricht.“

Lueger verstand es meisterhaft, die orientierungslos gewordenen sozialen Zwischenschichten anzusprechen und sich als ihr Sprachrohr und Medium darzustellen. Er nahm ihr kollektives Ressentiment auf und besetzte die Zwischenräume, die eine liberale Elitendemokratie zwischen sich und den von ihr marginalisierten Gruppen geschaffen hatte. Seine große politische Leistung ist die Schaffung eines antiliberalen Bürgerblocks, einer klerikal motivierten Bürger-Gemeinschaft. Ihr positives Programm war der Klerikalismus, das negative der Antisemitismus. Unter der ebenso allgemeinen wie allgemein verständlichen antijüdischen Parole erhob der Politprofi Lueger die atavistische Abneigung gegen die Juden zur seiner eigentlichen politischen Idee, auf ihrer Grundlage entwickelte er den christlich-sozialen Antisemitismus zu einer Massenbewegung des Kleinbürgertums und des Mittelstandes.

Es blieb allerdings beim rhetorischen Gestus – niemals ließ Lueger seiner judenfeindlichen Rede Taten folgen, sein Antisemitismus ist nicht rassistisch, sondern vielmehr populistisch. Niemals habe er gesagt, wie er sich die Lösung der „Judenfrage“ eigentlich vorstelle, schrieb Fritz Austerlitz, der wortgewaltige Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung: Er wolle „die Juden weder austreiben, noch ihnen ihre bürgerliche Gleichberechtigung entziehen, er ‚bekämpft’ sie eben nur.“ Auf durchaus verquere Art hat dies selbst ein Adolf Hitler in den Erinnerungen an seine Wiener Lehr- und Leidensjahre bestätigt; Hitler, der in Lueger den „gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“, einen „wahrhaft genialen Bürgermeister“ erkannte, schätzte dessen Verständnis für die Bedeutung der Masse, sein unnachahmliches Gefühl für Massenstimmungen und Massenbedürfnisse, kritisierte aber einen bloß religiös motivierten, eher opportunistischen Antisemitismus. Eine Judenfeindlichkeit, die von Lueger in der Tat als ein zentrales Mobilisierungsmoment im Rahmen einer sich eben erst formierenden Politik der Massen funktionalisiert wurde. Und so habe man, wie Felix Salten anmerkt, erst als Lueger am Ziel seiner einzig wahren Ambition angelangt war und Wiener Bürgermeister geworden war, begriffen, dass alles andere vorher nur Kalkül gewesen sei: „Er hätte jedes beliebige Mittel angewendet, wenn es nützlich gewesen wäre, selbst ein edles.“ Sein kommunales Programm hat Lueger am Tag seiner Vereidigung präsentiert. Bereits ein Jahr davor, anlässlich seiner vierten Wahl im April 1896 (der Kaiser hatte seine Bestellung mehrmals abgelehnt), hatte er die Bürgermeisterfrage zum Teil des großen Kampfes um die „Befreiung des christlichen Volkes“ erklärt: „Möge es Gott gefallen, dass endlich dem Volke gegeben werde, was des Volkes ist." 

Mit seinen groß angelegten Kommunalisierungsprojekten, mit seinem christlichen Sozialismus entwarf Lueger eine Gegenstrategie nicht nur zum Liberalismus, sondern mehr und mehr auch zum säkularen Sozialismus der Sozialdemokraten. Die symbolisch und propagandistisch hoch aufgeladenen Kommunalisierungen (Verstadtlichungen) sind ein wesentlicher Teil eines durchaus radikalen, in vielen Aspekten einzig dastehenden Modernisierungsprogramms. Stets kennzeichnet diese Projekte ein Ineinanderlaufen von Tradition und Modernität, stets wird die Eigenlogik des Modernen überlagert von der historischen Referenz und Identitätskonstruktion. Immer wieder bekennt er sich rückhaltlos zu den „modernsten“ Mitteln und Methoden kommunaler Innovation und urbanen Managements, und bezieht sich doch zugleich auch ständig auf den althergebrachten Bürgergeist, auf die vormoderne Harmonie und Respektabilität des Alt-Wien

Karl Lueger war, wie Friedrich Austerlitz betonte, der erste bürgerliche Politiker, der mit den Massen rechnete. An die Stelle der liberalen Ideologie setzte er seine Person als Politik und Programm, in seinen Grundsätzen und Gesinnungen nicht wirklich festlegbar. Nach seinem Tod am 10. März 1910 zeigte sich überaus schnell, wie sehr ein gesamtes gesellschaftliches Segment von der Begabung, der Intuition, dem „G‘spür“ dieses einen Mannes abhängig gewesen war. Wiens Kleinbürgertum und (unterer) Mittelstand hatten nicht nur eine populäre, eine herausragende Politikerfigur verloren, sondern darüber hinaus ihr Medium der politischen und kulturellen Artikulation schlechthin.

Telegramme als Übersicht anzeigen

Telegramme an den Kaiser mit der Bitte um Bestätigung Luegers als Bürgermeister von Wien, 1895, 1895

AT-OeStA/AVA Inneres MdI Allg A 399, Zl. 32.319/1895 und 33.361/1895

Carl Lueger wurde vom Kaiser erst 1897 nach wiederholter Ablehnung als Bürgermeister der Stadt Wien bestätigt.

Carl Lueger wurde vom Kaiser erst 1897 nach wiederholter Ablehnung als Bürgermeister der Stadt Wien bestätigt.

Flugblatt als Übersicht anzeigen

Carl Lueger, Aufruf gerichtet an "Christliche Arbeiter! Christliches Volk!", 1897

AT-OeStA/AVA Nachlässe NL Pichl 44, Flugblatt zu Carl Lueger

Akt als Übersicht anzeigen

Bestätigung der Wahl Karl Luegers zum Wiener Bürgermeister durch Kaiser Franz Joseph, 16.04.1897

AT-OeStA/HHStA KA KK Zl. 1503/1897

Nach mehrmaliger Ablehnung durch den Kaiser erfolgte 1897 erstmals die Bestätigung Karl Luegers als Bürgermeister von Wien.

Nach mehrmaliger Ablehnung durch den Kaiser erfolgte 1897 erstmals die Bestätigung Karl Luegers als Bürgermeister von Wien.

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