Anarchie in Ottakring

Im Gefolge einer von der Sozialdemokratischen Partei für den 11. September 1911 in Wien anberaumten Massendemonstration gegen die herrschende Teuerung war es in der unmittelbaren Umgebung des Rathauses zu ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei gekommen. Erst nach höchst mühevollen Auseinandersetzungen gelang es den Sicherheitskräften, die „kompakte Masse der Exzendenten“ gegen die Bezirke Neubau und Josefstadt abzudrängen. Es begann nunmehr ein Sturm durch Lerchenfelder Straße und Burggasse stadtauswärts: Bis hinauf zum Gürtel blieb keine Straßenlaterne, keine größere Auslagenscheibe unzerstört, erste Plünderungen setzten ein. Als das treibende Element erwies sich die „Ottakringer Elendsjugend“, jene – wie die Arbeiter-Zeitung schrieb – „ganz jungen und unverantwortlichen Leute, die niemand kannte und niemand gerufen hatte“. 

Der eigentliche Schauplatz dieser Revolte der Straße aber sollte dann jenes als „Neu-Ottakring“ bezeichnete Rasterviertel sein, das seit den 1890er Jahren, Vorbildern amerikanischen modernen Städtebaus folgend, aus dem Boden gestampft worden war. Auf dem Gürtel und in der Panikengasse waren Straßenbahnwaggons umgeworfen und in Brand gesetzt, am Lerchenfelder Gürtel erste Barrikaden errichtet worden; Polizeiwachstuben wurden überfallen und demoliert, ganze Straßenzüge mit Stacheldrahtzäunen überzogen. Die eilig requirierte Militärassistenz blieb zunächst weitgehend wirkungs- und machtlos. Wie aus dem Nichts kommend, zogen sich angreifende Demonstranten blitzschnell wieder zurück, um sich an anderer Stelle neu zu formieren. Ständigen Zuzug erhielten sie von der angrenzenden Schmelz, jenem weitläufigen städtischen Niemandsland, einer riesigen, vielfach codierten „Gstetten“, von der Armee als Truppenübungsplatz genutzt. Angeführt von ihren Müttern, von der Bezirksbevölkerung überaus wirksam unterstützt, waren es die „Kinder der steinbesäten Schmelz“, überwiegend Zwölf- bis Vierzehnjährige, die sich in einen kurzen Rausch der Zerstörung steigerten. Die Aktionen richteten sich vornehmlich gegen die Real- und Bürgerschule am Habsburgplatz, gegen die Impfstoffgewinnungsanstalt in der Possingergasse, gegen die Volksschulen am Hofferplatz und in der Koppstraße. 

Die Schule am Habsburgplatz war bereits in den Nachmittagsstunden Ziel unausgesetzter Angriffe gewesen. Ein ausgerissener Bagstall diente als Mauerbrecher gegen das Schultor; Kataloge, Bücher, Hefte, alles Papierene wurde zerstört, auf die Straße geworfen und angezündet; schließlich wurde das Schulgebäude selbst in Brand gesetzt und die anrückende Feuerwehr gewaltsam am Eingreifen gehindert. Ebenso wurde das Volksschulgebäude auf dem Hofferplatz gestürmt, das massive, eiserne Umfriedungsgitter umgestürzt, an die hundert Eisenstangen abgerissen. Sie dienten als Waffen und als Werkzeug, die aus dem gemauerten Sockel herausgerissenen Ziegel als Wurfgeschosse. Auch hier wurden Bücher, Kataloge, Formulare und Hefte herausgeholt, Stück für Stück zerfetzt und auf die Straße geworfen. Aus den Papierfetzen wurde ein „Scheiterhaufen“ errichtet und unter „dem Höllenlärm eines grauenhaften Konzertes“ angezündet. In der Staats-Realschule Thalhaimergasse waren der Chemiesaal und sämtliche darin befindlichen Gegenstände zur Gänze zerstört und ebenso wie die an die Realschule Possingergasse angebaute Impfstoffgewinnungsanstalt in Brand gesteckt worden. Erstmals seit den Oktobertagen 1848 wurde in Wien auf die Bevölkerung geschossen, Franz Joachimsthaler (20) und Otto Brötzenberger (19) erlagen ihren Verletzungen. Gegen zehn Uhr abends, als Ottakring in völliger Dunkelheit lag, brachten Polizei und Militär die Lage unter Kontrolle. 

Ein unvermittelt ausgebrochener, explosiver Aufstand war ebenso rasch wieder in sich zusammen gebrochen, der lange Septembertag der Anarchie war zu seinem Ende gekommen. Die Hungerrevolte weist, in ihrer Gestalt und Dynamik, über ein bloßes Aufbegehren gegen Nahrungsmittelknappheit und miserable Lebensumstände allerdings weit hinaus. Offensichtlich artikulierte sich in den Tumulten mehr als nur der sinnliche Ausdruck des Vorstadtelends, mehr auch als nur die Auseinandersetzung um die Beherrschung der Straße. An den Rand und in die Peripherie gedrängt, hatten sich die Sehnsüchte nach einem besseren Leben im städtischen Kontext für die überwiegende Mehrzahl der erst jüngst zugewanderten Migrantinnen und Migranten keinesfalls erfüllt; vielmehr fanden sie sich in Verelendung und Verfremdung wieder. In der scheinbaren Irrationalität ihrer Wut, in der anarchischen Wucht ihrer Gewalt äußert sich eine eigensinnige Logik und Rationalität. In der Zerstörung von Schrift und Schriftträgern artikuliert sich, wie vage und ambivalent auch immer, ein – wenn auch aussichtsloser – Angriff auf die symbolische Ordnung der Moderne, der modernen Stadt. Es ist ein Aufbegehren gegen bürgerlichen Rationalismus, gegen Zweckrationalität und Versachlichung, die die Hegemonie des Zentrums begründet und befestigt hatten. Es wird in den Auseinandersetzungen um den Justizpalast im Juli 1927 mit aller Macht wiederkehren. 

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Polizeibericht vom 12. September 1911 über die für den 17. September geplante Abhaltung einer großen Demonstration gegen die Teuerung, einer Aktion der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, 12.09.1911

AT-OeStA/AVA Inneres MdI Präsidium A 2034, Zl. 9243/1911

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Polizeibericht vom 14. September 1911 zu behördlichen Maßnahmen, wie Beistellung einer Militärassistenz, anlässlich der für den 17. September geplanten Kundgebung der sozialdemokratischen Arbeiterschaft., 14.09.1911

AT-OeStA/AVA Inneres MdI Präsidium A 2034, Zl. 9328/1911

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Behandlung der Frage des Schadenersatzes nach den Straßenunruhen in Wien am 17. September 1911 - Entschädigungsansprüche von Gewerbetreibenden, Kaufleuten, 15.11.1911

AT-OeStA/AVA Inneres MdI Präsidium A 2130, Zl. 11.611/1911

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