Franz Joseph und seine Zeit

Karl Kraus hat ihn einen Dämon des Mittelmaßes genannt, eine „Unpersönlichkeit“, die gleichwohl ihre Zeit in unvergleichbar „mächtiger“ Weise geprägt habe. Am Anfang seiner beinahe siebzigjährigen Regentschaft stand die unfassbar blutige Niederwerfung des aufständischen Wien, des abtrünnigen Ungarn, des rebellierenden Italien; am Ende der grauenhafte Massenmord des globalen Maschinenkrieges. Franz Joseph war in gewisser Hinsicht die Inkarnation des Dynastischen, der latenten, aber niemals verwirklichten Idee des zentralistischen habsburgischen Einheitsstaates, der Militärmonarchie, der europäischen Ordnungskraft und katholischen Führungsmacht gegen das protestantische Preußen und das gottlose Frankreich, der Mehrung des Reiches. Er hat seine Kriege verloren, er hat die Vormachtstellung in Deutschland verspielt, er hat Italien preisgeben müssen, er hat (im Gefolge des Krim-Krieges) das Kunststück zuwege gebracht, sein Reich vom Westen wie vom Osten gleichermaßen zu isolieren. Er hat diesem Reich Bosnien-Herzegowina angegliedert, und eben dadurch die Nationalisierung der südslawischen Massen verhängnisvoll vorangetrieben. Franz Joseph war zeit seines Lebens zu folgenschweren und geschichtsmächtigen Konzessionen und Kompromissen gezwungen und er ist sie, höchst widerwillig, immer dann eingegangen, wenn keine andere Option mehr offen und das dynastische Prinzip seinem Inneren nach gefährdet schien. So hat er den Ausgleich mit Habsburgs jahrhundertelang effizientesten Gegenspieler, der ungarischen Gentry und grundbesitzenden Herrenklasse, eingehen müssen, so hatte er den politischen wie wirtschaftlichen Liberalismus zu akzeptieren, und so ist er , in der Wahlrechtsfrage, schlussendlich gar den stillen historischen Kompromiss mit der organisierten sozialdemokratischen Arbeiterschaft eingegangen. 

Aber da ist auch eine andere, wiewohl nur vage fassbare Dimension, die diesen ewigen Kaiser, der mit seinem individuellen Leben die Ankunft und die Blüte der (industriellen wie kulturellen) Moderne abgrenzt, mit der Aura des Ungewöhnlichen ausstattet. Er hat sich als der oberste Schutzherr der jüdischen Bevölkerung seines Reiches verstanden, für den zur Massenbewegung aufsteigenden Kleinbürger-Antisemitismus eines Karl Lueger hatte er lediglich Verachtung über. Übernational, kosmopolitisch, der Dynastie gegenüber unbedingt loyal, waren die Juden tatsächlich die einzige ethnische Gruppierung, die den offiziellen Staatsgedanken – der ein transnationaler war und sein musste – enthusiastisch rezipierte. Ihre unter Franz Joseph errungene volle Emanzipation hat eine einmalige Blüte der Elitenkultur und der Intellektualität nach sich gezogen, die wir heutzutage mit dem Begriff des Fin de Siècle assoziieren. Die psychoanalytische und individualpsychologische Bewegung, die Literaten des Jung Wien, die Theoretiker des Austromarxismus, die Proponenten der Neuen Musik und der positivistisch-logischen Philosophie etablierten Franz Josephs Reichshaupt- und Residenzstadt als eine Stätte epochaler kultureller Innovationsleistungen, als eine glänzende Metropole der Moderne und der Modernität, die ihren präzisen baulichen Ausdruck in der Ringstraßenarchitektur finden sollte. 

Die Ära des de facto letzten Habsburgerkaisers ist voll des Unbestimmten, Widersprüchlichen, Gegenläufigen, Ambivalenten; eine Ära, die sich, ob ihrer herausragenden Errungenschaften wie fatalen Fehlleistungen, der endgültigen historischen Bilanz auf eigensinnige Weise entzieht. Wir haben in der vorliegenden virtuellen Präsentation versucht, eben diese ganz spezifische Aura – im Politischen ebenso wie im Sozialen und Kulturellen – mithilfe ausgewählter Dokumente aus den Beständen des Österreichischen Staatsarchivs zu veranschaulichen und lebendig werden zu lassen.

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KARL KRAUS, Franz Joseph, gelesen von ANDRÉ HELLER

 

 

Dieser Teil der Ausstellung behandelt die jeweilige Ausdehnung der Monarchie nach politisch-militärischen Schlüsselereignissen und zeigt – parallel dazu – ein Portrait des Kaisers in der jeweiligen Epoche.

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KARTEN & PORTRAITS aus der Zeit des Kaisers



14 Fakten Zur Ära Kaiser Franz Joseph I

Der Mann ohne Eigenschaften

Wissen Sie, was der bekannte Schriftsteller Stefan Zweig zur Habsburger-Monarchie sagt: Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Karte, sie ist weggewaschen ohne Spur (Zitat Stefan Zweig, Die Welt von gestern, S. 8)

Neoabsolutismus

Wussten Sie, dass das Jahr 1848 die ersten Ansätze sozialer Gesetzgebung und lange überfällige Strafrechtsreformen ebenso wie Rede,- Versammlungs- und Medienfreiheit brachte?

Die evasive Kaiserin

Kennen Sie den Lieblingsdichter von Kaiserin Sisi? Das war der deutsche Dichter Heinrich Heine, der „letzte Dichter der Romantik“, dem Sisi in einem kleinen Tempel im Garten des Achilleons ein Denkmal errichten ließ und mit dem sie in spiritistischen Kontakt zu stehen vermeinte.

Börsenkrach und schwarzer Freitag

Was war der schwarze Freitag? Die Neugründung von über 500 Aktiengesellschaften binnen eines Jahres ließ den Wiener Aktienmarkt zusammenbrechen – die Folge: der schwarze Freitag in Wien am 9. Mai 1873.

Eine unvollendete Metropole und ein Boulevard bürgerlichen Triumphs

Welche Volksgruppe der Habsburger-Monarchie hat Wien entscheidend beeinflusst? Migrantinnen und Migranten aus den Kronländern der Monarchie strömen in die Reichshaupt- und Residenzstadt. Es sind aber die Tschechen in Wien, die entscheidenden Einfluss auf Sprache, Kultur und Denkweise der Stadt nehmen und einen Modernisierungsschub anstoßen.

 

 

Grenznutzen – die österreichische Schule der Nationalökonomie

Können Sie die bekanntesten Wiener Ökonomen aus dieser Zeit nennen? Das sind die Wiener liberalen Ökonomen: Friedrich von Wieser, Eugen von Böhm-Bawerk und Josef Schumpeter zusammen mit den führenden Köpfe des Austromarxismus Rudolf Hilferding, Otto Bauer und Otto Neurath

 

 

Psychophysik

Was fällt Ihnen zu dem bekannten österreichischen Physiker Ernst Mach ein? Leitfigur einer neuen revolutionären Wissenschaftlergeneration: Ernst Mach, Physiker, Physiologe, Erkenntnistheoretiker, Philosoph, Wegbereiter der Gestaltpsychologie, radikaler Humanist und Demokrat

 

 

Eine via regia zum Unbewussten

Wegweiser durch das Unterbewusstsein? Sigmund Freuds Buch Die Traumdeutung erscheint im Jahr 1900 (eigentlich schon am 14. November 1989, aber aus Geschäftsgründen wird das zukunftsweisende Jahr 1900 angegeben) und es ist in der Tat ein Jahrhundertbuch. Der Traum selber muss nicht wahr sein, aber er verweist auf die Wahrheit.

 

 

Eros und Tanatos – der visionäre Modernismus des Gustav Klimt

Lesen Sie weiter, wie Gustav Klimt Wien durch seine Kunst verstörte…

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„Dem Volke, was des Volkes ist“

Karl Lueger und die Erfindung der Massenpolitik
Lesen Sie weiter, wie der populäre Wiener Bürgermeister Karl Lueger mit den Stimmungen der Masse spielt und einen völlig neuen Politikstil erfindet…

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Der Hofrat der Revolution und eine k.k.priv. Sozialdemokratie

Wer wird als „Hofrat der Revolution“ bezeichnet? Der intellektuelle, bürgerliche und aus begüterter Familie stammende Victor Adler ist eine der großen Figuren der Wiener Moderne. Armenarzt, der mit aufrüttelnden Reportagen über das Elend der Ziegelarbeiter berichtet und zugleich Gesellschaftslöwe und Stammgast in den literarischen Salons der Stadt.

 

 

Anarchie in Ottakring

Im Gefolge einer Massendemonstration der Sozialdemokratischen Partei gegen die Teuerung am 11. September 1911, kam es in Ottakring zu einem Sturm der „Ottakringer Elendsjugend“. Umgeworfene Straßenbahnwaggons, Barrikaden gegen die Polizei, ein in Brand gesetztes Schulgebäude – und erstmals seit den Oktobertagen 1848 wurde in Wien auf die Bevölkerung geschossen.

 

 

Der Eisenschlitzer

Der Deserteur, Wiener Unterweltler und Einbrecherkönig Johann „Schani“ Breitwieser aus Wien Meidling galt in der vorstädtischen Elendsbevölkerung als Guter und Gerechter, der einen (geringen) Anteil seiner Beute stets unter den Armen seines Heimatbezirkes verteilen ließ. Gefährlich und unberechenbar, technisch versiert und zugleich urwienerisch-humorig richteten sich seine Einbruchszüge vor allem gegen Konzerne und Aktiengesellschaften…

 

 

Die südslawische Frage

Lesen mehr: Der Balkan als hoch komplexes Krisengebiet erster Rangordnung. Die geknechteten serbischen Bauern hatten sich zu Beginn des Jahrhunderts gegen die türkischen Feudalherren erhoben und um ihre Freiheit gekämpft. In Kroatien hingegen stand man unversöhnlich gegen die ungarische Herrscherklasse als auch gegen das Wiener Kaiserhaus.

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